Sexueller Kindesmissbrauch in der Heimerziehung
Sexualisierte Gewalt in Heimen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Nachkriegsgeschichte. Die Auswirkungen dieser Misshandlungen sind tiefgreifend und begleiten die Betroffenen oft ein Leben lang. Heute erwachsene Betroffene von sexueller Gewalt in der damaligen Heimerziehung kämpfen um Anerkennung des erlebten Unrechts.
Gewalt und sexueller Missbrauch der Heimerziehung
Die Mitarbeitenden in Heimen sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nach 1945 waren von nationalsozialistischem, rassistischem Gedankengut geprägt. Gerade auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe war das Bild der Euthanasie nicht verschwunden. Die Aufarbeitung der Verbrechen ist von den Betroffenen oft gegen den Strom angestoßen worden und noch längst nicht abgeschlossen. Eine angemessene Erinnerungskultur, beispielsweise mit einer offiziellen Entschuldigung im Parlament, fehlt.
Betroffene haben der Aufarbeitungskommission von sexualisierter Gewalt in Heimen sowohl in West- als auch in Ostdeutschland berichtet. Besonders gravierend waren die Menschenrechtsverstöße, die auch psychische und physische Gewalt beinhalteten, in den 1950er und 1960er Jahren. Angestoßen durch die 1968er Bewegung und die Reformpädagogik besserten sich die Zustände danach allmählich. Beim 6. Öffentlichen Hearing der Kommission zu Sexuellem Missbrauch in der Heimerziehung wurde aber deutlich, dass der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen beziehungsweise seine Vertuschung auch danach noch vom System begünstigt wurde.
Torgau war für die, die das erleben mussten, das waren über 6.000 Jugendliche, lebenslänglich.
Die Folgen von sexualisierter Gewalt in der Heimerziehung
In Berichten an die Kommission und in Studien wie dem Testimony Projekt oder der Studie „Ausgeliefert und verdrängt“ wird immer wieder deutlich, dass Betroffene nicht nur sexuellen Kindesmissbrauch, sondern multiple Gewalterfahrungen erlitten haben. Ehemalige Heimkinder berichteten zu einem deutlich höheren Anteil als der Durchschnitt der Bevölkerung über sexualisierte Gewalt. Sehr viele, in einigen Befragungen 80 Prozent, berichteten von körperlicher Gewalt. Auch die psychische Gewalt durch Mitarbeitende war massiv. Vielen Kindern und Jugendlichen wurden von den Institutionen Bildungswege verwehrt. Sie leben heute in Armut. Eine Kindheit und Jugend im Heim ist für viele Betroffene heute ein Stigma. Sie fühlen sich sozial isoliert und bauen nur langsam Vertrauen zu anderen auf.
Anerkennung von Unrecht und Leid
Viele Betroffene haben ihr Leben lang eine fortgesetzte Unrechtserfahrung gemacht. Die Träger von Heimen beziehungsweise ihre Rechtsnachfolger haben sich dagegen bisher erst in wenigen Fällen einer Aufarbeitung gestellt. Eine aktuelle Liste von Aufarbeitungsprojekten in Deutschland finden Sie hier. Akten sind für viele Betroffene ein wichtiges Puzzleteil zu ihrer Geschichte. Sie wollen erfahren, warum zum Beispiel ihre Eltern sie weggegeben haben, oder ob es später noch Versuche der Kontaktaufnahme gab. Akten sind in vielen Fällen allerdings nicht wiederauffindbar, vernichtet oder werden zurückgehalten. Eine Entschädigung ist für viele Menschen mit Heimerfahrung, die aufgrund der verwehrten Bildungswege häufig in Armut leben, ein wichtiges Thema. Ebenso die Verantwortungsübernahme staatlicherseits.
Forschungsprojekte
Versorgungsmöglichkeiten ehemaliger Heimkinder im Alter
Für viele Betroffene ist es schwer, sich in Behandlung zu begeben, Hilfe zu suchen und gegenüber Institutionen ihre Interessen und Rechte zu vertreten. In besonderer Weise werden die Schwierigkeiten im Zugang und die Ängste in Bezug auf pflegerische Versorgung im Alter deutlich.
Zielsetzung der Studie ist, die Bedarfe ehemaliger Heimkinder mit sexualisierten Gewalterfahrungen bzgl. einer angemessenen psychosozialen Altersversorgung zu ermitteln und Weiterbildungsvorschläge für die psychosozial Tätigen in der Altenpflege zu entwickeln.
Rechercheratgeber zum Auffinden von Akten
Betroffenen soll mit dem Rechercheratgeber niedrigschwellig und online ein Hilfsmittel gegeben werden, damit sie möglichst eigenständig nach Akten recherchieren und diese einsehen können. Die Veröffentlichung ist für 2026 geplant.
Veranstaltungen
Hearing Heimerziehung
Beim 6. Öffentlichen Hearing der Kommission zu „Sexuellem Missbrauch in der Heimerziehung“ griffen Betroffene, Aufarbeitende, Fachkräfte und Kommissionsmitglieder die zahlreichen Gewalttaten auf, die seit 1945 in Heimen in Ost- und Westdeutschland verübt wurden. Seit 2016 haben der Kommission 149 Betroffene über sexualisierte und viele andere Formen von Gewalt in Heimen berichtet.


Fachgespräch „Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR – Menschen mit Behinderungen“
Rund 100 Gäste haben am 18. März 2025 in Potsdam die dritte regionale Veranstaltung der Kommission zum Schwerpunktthema Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der DDR besucht. Im Zentrum der Veranstaltung in Kooperation mit der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg standen Menschen mit Behinderungen.
Fachgespräch „Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR – Fokus Totale Institutionen“
Am 04. Juli 2023 fand in Magdeburg das zweite Fachgespräch der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs über sexuellen Kindesmissbrauch in der DDR statt. Im Fokus der Veranstaltung in Sachsen-Anhalt standen Totale Institutionen, etwa Spezialheime, Jugendwerkhöfe und Venerologische Stationen.

Werkstattgespräche zu sexualisierter Gewalt in Heimen der DDR
Die Kommission hat sich in ihren ersten Werkstattgesprächen im Jahr 2016 u.a. mit Expertinnen und Experten der DDR-Heimerziehung zum Thema sexueller Missbrauch in der DDR ausgetauscht. Darauf folgte eine genauere Untersuchung dieses Schwerpunktes.
