Sexueller Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas

Weltweit sind in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas Fälle von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen bekannt geworden. Die staatlichen Kommissionen einiger Länder wie Australien und Großbritannien haben bereits Aufarbeitungsprojekte durchgeführt. In Ländern wie etwa den Niederlanden wurden wissenschaftliche Untersuchungen begonnen. Betroffene, die Mitglieder der Zeugen Jehovas waren, haben sich auch an die deutsche Kommission gewandt und von sexuellem Kindesmissbrauch innerhalb der Gemeinschaft und deren Umgang mit Betroffenen berichtet.

Berichte über sexualisierte Gewalt bei den Zeugen Jehovas

Ehemalige Mitglieder der Zeugen Jehovas sowie Zeitzeug*innen haben sich der Kommission anvertraut und in Gesprächen, vertraulichen Anhörungen oder schriftlich von sexualisierter Gewalt in Kindheit oder Jugend in der Glaubensgemeinschaft berichtet. Um weitere Informationen zu diesem Bereich zu erhalten, hat sich die Kommission im vertraulichen Rahmen mit verschiedenen Expert*innen über sexuellen Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas ausgetauscht. Im Mittelpunkt der Gespräche standen vor allem Strukturen, die die Prävention sowie die Aufdeckung und Verfolgung von sexualisierter Gewalt aus Sicht der Gesprächspartner*innen erschweren oder verhindern können.

Hintergrund von sexuellem Kindesmissbrauch

Die Zeugen Jehovas sind eine nach außen abgeschlossene Glaubensgemeinschaft. Innerhalb der Organisation werden Disziplinarverfahren unter anderem aufgrund von Straftaten durchgeführt. Den Berichten von Betroffenen sowie von Zeitzeug*innen zufolge könnte dies mit dazu beitragen, dass Vorfälle und Maßnahmen nicht öffentlich gemacht und auch nicht öffentlich aufgeklärt werden.

Berichte über Zwei-Zeugen-Regel

Betroffene sowie Zeitzeug*innen berichteten, dass die Aufklärung sexuellen Kindesmissbrauchs zumindest in der Vergangenheit auch durch die Zwei-Zeugen-Regel erschwert worden sei. Wenn ein Täter oder eine Täterin nicht geständig ist, besagt diese Regelung, dass außer der oder dem Betroffenen mindestens eine weitere Person bestätigen muss, dass sich die Tat ereignet hat. Da es bei sexuellem Missbrauch in der Regel jedoch keine weiteren Zeug*innen gibt, kann dieser Nachweis kaum erbracht werden.

Soweit es keine zweite Zeugin oder keinen zweiten Zeugen gegeben habe, seien die Ältesten, also Männer, die die Gemeinden der Zeugen Jehovas leiten, angewiesen worden, die Angelegenheit in Jehovas Hände zu geben. Das habe bedeutet, dass oft nichts getan worden sei, um der Sache weiter nachzugehen; dass dem Kind nicht geglaubt worden sei; dass es keine wirksame Hilfe bekommen hätte und nach den Regeln der Zeugen Jehovas ab sofort darüber zu schweigen habe. Das habe auch für die Eltern gegolten. Wenn diese die Sache nicht auf sich beruhen lassen wollten und weiter nachgefragt hätten, hätten sie oft als rebellisch gegolten und der Familie habe der Ausschluss aus der Gemeinschaft gedroht.

Unklar sei, ob diese Regelung heute offiziell weiter gelte bzw. intern weiter Anwendung finde: Nach Aussagen von Zeitzeug*innen sei in einem streng vertraulichen Regelwerk der Leitung der Zeugen Jehovas, dem „Buch der Ältesten“, der Umgang mit Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs beschrieben. Danach bestünden konkrete Hinweise, dass die Zwei-Zeugen-Regel bis heute angewendet werde.

Die Kommission führte am 12.11.2021 ein Gespräch mit der Leitung der Zeugen Jehovas. Dabei erläuterte die Leitung, dass bei der Anwendung der Zwei-Zeugen-Regel zu differenzieren sei: Die Regel finde ausschließlich in dem kirchenrechtlichen Verfahren Anwendung. In diesem Verfahren werde von einem Rechtskomitee geprüft, welche Maßnahmen geboten seien und ob der Täter oder die Täterin Mitglied der Gemeinschaft bleiben könne. Außerhalb des kirchlichen Verfahrens spiele die Zwei-Zeugen-Regel keine Rolle, insbesondere nicht im Umgang mit den Betroffenen. Deren Anwendung habe keine Auswirkungen darauf, ob den Betroffenen (außerhalb des kirchlichen Verfahrens) geglaubt werde.

Die von der Regierung Großbritanniens eingesetzte Inquiry into Child Sexual Abuse (IICSA) vertritt in ihrem Bericht von September 2021 die Auffassung, dass die Zwei-Zeugen-Regel keine angemessene Reaktion auf sexuellen Missbrauch von Kindern sei. Die Regel werde der Tatsache nicht gerecht, dass sexueller Missbrauch von Kindern naturgemäß meist in Abwesenheit von Zeugen verübt werde. Es liege auf der Hand, dass die Zwei-Zeugen-Regel den Opfern und Überlebenden von sexuellem Kindesmissbrauch Schaden zufügen könne. Das interne Disziplinarverfahren der Zeugen Jehovas für den Ausschluss von Mitgliedern habe in seiner jetzigen Form nichts mit der Art und Weise zu tun, wie Sexualverbrechen geschehen. Dies zeige eine Missachtung der Schwere der betreffenden Taten und ihrer Auswirkungen auf den Einzelnen. Es lasse auch das Mitgefühl für das Opfer vermissen und diene dem Schutz des Täters.

Meine Eltern haben mich für ihre Religion verkauft. Sie haben nach der Aufdeckung keine Nachsorge betrieben. Ich habe mich mithilfe einer Therapie und eines Netzwerkes zum Sektenausstieg vom Kult gelöst. Jetzt bin ich kein schweigendes Opfer mehr. Ich habe Würde. Ich bin jemand.
Betroffene

Aktivitäten der Kommission


Treffen mit Zeugen Jehovas zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

16.11.2021 Mitglieder der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs trafen sich zu einem Austausch mit den Zeugen Jehovas, um über den Umgang mit zurückliegenden Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs und die Aufarbeitung in der Glaubensgemeinschaft zu sprechen.

Sexueller Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas – Die neunten Werkstattgespräche

04.12.2020 Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sprach am 24. November 2020 im vertraulichen Rahmen mit Expertinnen und Experten über sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bei den Zeugen Jehovas.

Was können Betroffene über sexuellen Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas berichten?

19.05.2022 – Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht auch sexualisierte Gewalt bei den Zeugen Jehovas. Sie hat einen Aufruf an Betroffene sowie Zeitzeug*innen gestartet, sich bei ihr zu melden und von ihren Erfahrungen zu berichten. 

Vor acht Jahren bin ich bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen. Der Auslöser war Kindesmissbrauch. Und zwar nicht, weil er passiert ist, das kann ja überall passieren, sondern wegen des Umgangs mit den Opfern.
Betroffene

Geschichte einer Betroffenen von sexueller Gewalt bei den Zeugen Jehovas

Mia war Mitglied in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas. Dort hat sie als Kind sexuelle Gewalt erfahren. In ihrer Geschichte beschreibt sie auch, wie die Gemeinschaft damit umgegangen ist, als die Taten bekannt wurden.
Wir möchten darauf hinweisen, dass die Berichte zum Teil Schilderungen enthalten, die verstörend sein können. Einige Worte oder Beschreibungen können Erinnerungen und negative Gefühle auslösen.

Zitat auf grünem Hintergrund zwischen stilisierten Anführungszeichen: "Wollen die Eltern zur Polizei gehen, werden sie ausgeschlossen. Das ist der soziale Tod."
Mias Geschichte auf dem Portal „Geschichten, die zählen“


Wie können Sie der Kommission von sexuellem Kindesmissbrauch berichten?

Sie haben die Möglichkeit, in einer vertraulichen Anhörung in geschützter Atmosphäre über ihre Erfahrungen zu sprechen oder einen schriftlichen Bericht zu verfassen. Wir bieten alternativ zum Gespräch vor Ort die Möglichkeit an, online per Video die vertrauliche Anhörung durchzuführen. Wenn Sie dazu Fragen haben oder sich genauer über die Arbeit der Kommission informieren möchten, können Sie zusätzlich beim Infotelefon Aufarbeitung anrufen.

Fragen & Antworten

Hier finden Sie Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Arbeit der Kommission wie auch zur vertraulichen Anhörung und zum schriftlichen Bericht.

Sexueller Kindesmissbrauch

Was ist sexueller Kindesmissbrauch? Welche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch gibt es? Und wie ist sexueller Kindesmissbrauch im Strafrecht definiert?

Informationen über sexuellen Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas in anderen Ländern

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