Welche Belastungen und Entlastungen erleben Betroffene sexualisierter Gewalt in der Corona-Pandemie?


25.03.2021 - Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs veröffentlicht die zweite Auswertung einer Online-Befragung zur Situation von betroffenen Menschen.


Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat von Juni bis Juli 2020 eine Online-Befragung unter Betroffenen zu ihrer Situation in der Corona-Pandemie durchgeführt. Im ersten Schritt wurden die ausgewählten Antworten der Teilnehmenden zu konkreten Fragen ausgewertet. Diesen Bericht veröffentlichte die Kommission im November 2020. Für den aktuellen zweiten Bericht wurden die Kommentare der Teilnehmenden auf die den Fragebogen abschließende offene Frage „Möchten Sie uns noch etwas zu Ihrer Situation unter den Bedingungen der Corona-Pandemie mitteilen?“ ausgewertet.

Die Auswertung der Antworten ergab, dass die Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen des Infektionsschutzes sehr spezifische psychische und soziale Belastungen für Betroffene bedeuten können, die mit ihren früheren Erfahrungen zusammenhängen. So konnten die allgemein angeordneten Maßnahmen Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit auslösen. Das Tragen von Schutzmasken konnte als Trigger und retraumatisierend erlebt werden. Die Veränderungen durch die Pandemie können auch bei Betroffenen, die die Gewalt gut bewältigt hatten und sich lange Zeit stabil fühlten, zu unerwarteten Einbrüchen führen.

Die Ergebnisse der Befragung zeigten aber auch, dass die in der Pandemie ergriffenen Maßnahmen positive Auswirkungen haben können. Beispielsweise Kontaktbeschränkungen, sowohl in Form von sozialer als auch körperlicher Distanz, ermöglichen eine Entlastung von gesellschaftlichen Anforderungen, weil dadurch Ruhe- und Freiräume entstehen, die für Gesundung und Aufarbeitung der eigenen Geschichte genutzt werden können.

Viele Betroffene erlebten, dass sie eigene Bewältigungsstrategien nicht mehr umsetzen konnten, wenn durch das Wegfallen professioneller Unterstützung kein Ausgleich möglich war. Die gesellschaftliche Krise wird dann zur persönlichen Krise und bringt die Stabilität in Gefahr, die in der Therapie erarbeitet wurde.

Prof. Dr. Barbara Kavemann, Mitglied der Kommission:
„Die für Betroffene schon seit langer Zeit bestehenden strukturellen Schwierigkeiten, eine passende und finanzierte Therapie und Beratung zu erhalten, werden in einer gesamtgesellschaftlichen krisenhaften Situation wie der Pandemie besonders deutlich. Gerade dann sind ein rascher Zugang zu Therapie und Beratung und eine unbürokratische Finanzierung erforderlich. Wir sollten auch aus dieser Krise lernen, dass das Unterstützungsangebot flächendeckend ausgebaut werden muss.“

Menschen, die sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend erleben mussten, haben trotz der Gewalterfahrungen und zum Teil starker Traumatisierungen Lebensstärken entwickelt, die es ihnen ermöglichen, ihr Leben zu organisieren, Entscheidungen zu treffen, ihren Alltag zu bewältigen, Unterstützung zu suchen und zu finden. Diese Stärken können in einer gesellschaftlichen Krise wie der Corona-Pandemie gefährdet sein oder aber mit voller Kraft entfaltet werden.

Die Befragung:
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hatte vom 9. Juni bis zum 5. Juli 2020 eine Online-Befragung unter Betroffenen sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend durchgeführt, um zu erfahren, wie die Corona-Pandemie in der Zeit der Kontaktbeschränkungen von betroffenen Menschen erlebt wurde.

An der Befragung nahmen 823 Personen teil: 698 Frauen, 92 Männer und 33 Personen, die ihr Geschlecht als divers angaben. Die meisten der Teilnehmenden waren 30 Jahre und älter. Die größten Altersgruppen stellten die 41- bis 50-Jährigen sowie die 51- bis 60-Jährigen (29% bzw. 30,9%). Alle Befragten machten auch Angaben darüber, wo sie in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben. Beim überwiegenden Teil geschah dies in der Familie.

„Belastungen und Entlastungen von Betroffenen sexualisierter Gewalt in der Corona-Pandemie“ - Zweite Auswertung der Online-Befragung

„Wie erleben Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend die Corona-Pandemie?“ – Erste Auswertung der Online-Befragung


Pressekontakt

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Kirsti Kriegel
Telefon: +49 (0)30 18555-1571
Fax: +49 (0)30 18555-4 1571
kirsti.kriegel@ubskm.bund.de

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