Sexueller Kindesmissbrauch in der Colonia Dignidad – Die neunten Werkstattgespräche (Teil II)


04.12.2020 Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs befasst sich seit einigen Monaten mit sexueller Gewalt in der Colonia Dignidad. Dafür traf sie sich am 25. November 2020 zu einem Austausch mit Experten, die Aufarbeitung in diesem Bereich betreiben. Insbesondere wollte die Kommission erfahren, wie betroffene Erwachsene bei ihrer persönlichen Aufarbeitung und der Bewältigung der Folgen der sexualisierten Gewalt in ihrer Kindheit und Jugend heute unterstützt werden können, vor allem wenn sie im Bundesgebiet leben.


Die Colonia Dignidad ist eine deutsche Siedlung in Chile, die 1961 von dem Laienprediger Paul Schäfer gegründet wurde. Schäfer hatte zuvor bereits in Deutschland ein Erziehungsheim für Kinder und Jugendliche gegründet und baute eine Gemeinde mit sektenähnlicher Struktur auf. Nachdem gegen ihn wegen sexuellen Kindesmissbrauchs ermittelt wurde, floh er nach Chile. Mit Unterstützung von erwachsenen Mitgliedern der Gemeinschaft wurde eine große Anzahl der Kinder aus dem Erziehungsheim dorthin verbracht. Zum Teil erschlich sich Schäfer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen das Einverständnis  der Eltern und Vormünder. In den nächsten Jahren folgten ihm rund 250 Anhänger und Mitglieder der Gemeinschaft, Erwachsene und Kinder nach Südamerika.

Jahrzehntelange Gewalt

In der als wohltätiger Verein getarnten Sekte wurden in der Colonia Dignidad Kinder und Jugendliche vier Jahrzehnte lang sexuell missbraucht und misshandelt. In der Siedlung herrschte ein System aus Denunziation und Bestrafung. Die Bewohnerinnen und Bewohner waren nach außen isoliert. Auch im Inneren fand Isolation statt: Männer und Frauen wurden getrennt und in Altersgruppen aufgeteilt und lebten weitgehend ohne Kontakt zueinander. Somit wurden auch die Familien aufgelöst. Während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) diente die Kolonie zudem als Folterzentrum und Tötungsstätte des chilenischen Geheimdienstes. Nach Ende der Militärdiktatur entzog die chilenische Regierung Schäfers Organisation den Status der Gemeinnützigkeit. Als Ende der 1990er-Jahre die chilenische Justiz aufgrund seiner Verbrechen gegen Schäfer ermittelte, floh er aus der Kolonie. 2005 wurde er verhaftet und im Mai 2006 des Missbrauchs von Kindern in 26 Fällen für schuldig befunden und zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. 2010 starb Paul Schäfer im Alter von 88 Jahren.

Heute leben rund 80 Mitglieder in der Siedlung in Chile, die sich jetzt "Villa Baviera" nennt. Überlebende der Colonia Dignidad leben als Heimkehrer aktuell in verschiedenen Gebieten der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs, so in der Nähe von Krefeld, Gronau, Ulm, Siegburg und Graz. Sie haben sich zum Teil freikirchlichen Gemeinden angeschlossen.

Schleppende Aufarbeitung der Verbrechen

Die Aufarbeitung der Verbrechen Paul Schäfers und seiner Helfer in der Colonia Dignidad geht bis heute nur schleppend voran. Trotz vieler Ermittlungsverfahren wurde bis heute kein Verantwortlicher für die in der Colonia Dignidad begangenen Taten von der bundesdeutschen Justiz angeklagt oder verurteilt. Frank-Walter Steinmeier bekannte sich als Außenminister 2016 in einer Rede zur moralischen Verantwortung Deutschlands gegenüber den Verbrechen an den Bewohnern der Colonia Dignidad. Steinmeier kündigte Aufklärung an und gab kurz darauf bislang gesperrte Akten zur Colonia Dignidad frei. Daraufhin folgte im Juni 2017 ein gemeinsamer Antrag der Fraktionen von CDU, SPD und Grünen zur "Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad", der einstimmig vom Deutschen Bundestag beschlossen wurde.

2018 legte die Bundesregierung zunächst ein Hilfskonzept für die Opfer der Colonia Dignidad durch das Auswärtige Amt vor, das von einigen Abgeordneten als unzureichend kritisiert wurde. Zudem wurde eine "Gemeinsame Kommission zur Umsetzung des Hilfskonzeptes für die Opfer der Colonia Dignidad" eingesetzt, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesregierung und Mitglieder des Bundestages angehören. Im selben Jahr wurden das Zentralinstitut Lateinamerika-Institut und das Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin damit beauftragt, ein Oral-History-Archiv zur Colonia Dignidad in Chile über einen Zeitraum von drei Jahren aufzubauen. Das Forschungsprojekt startete im Januar 2019 und hat das Ziel, 60 Video-Interviews mit verschiedenen Betroffenen und anderen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur Geschichte der Colonia Dignidad durchzuführen. Die Interviews sollen wissenschaftlich aufbereitet und später vollständig für die Öffentlichkeit bereitgestellt und langfristig bewahrt werden.

Im Mai 2019 verkündete die Gemeinsame Kommission ein Hilfskonzept für die Opfer der Colonia Dignidad, deren zentraler Teil einen Hilfsfonds darstellt. Anfang 2020 wurden damit begonnen, fragenbasierte Gespräche mit Antragstellenden zu führen. Sowohl die ehemaligen Bewohner der Colonia Dignidad als auch in der Siedlung missbrauchte Chilenen, können einen Antrag auf Hilfeleistungen stellen. Es ist vorgesehen, dass pro Person bis zu 10.000 € ausgezahlt werden können. Zusätzlich steht ein Fonds "Pflege und Alter" insbesondere für in Chile lebende ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner zur Verfügung.

Anhörungen und schriftliche Berichte

Im Sommer 2019 wurden von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs bereits zwei Anhörungen mit chilenischen Betroffenen in Deutschland durchgeführt. Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs in der Colonia Dignidad haben die Möglichkeit, wie auch Personen aus anderen Bereichen, im Rahmen einer vertraulichen Anhörung oder als schriftlicher Bericht sich der Kommission mitzuteilen.

Politisch und strafrechtlich hochkomplex

Von sexuellem Missbrauch als eine der Gewaltformen, die Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene in der Colonia Dignidad erleiden mussten, wurde bisher vor allem in den Medien berichtet. Film- oder Serienproduktionen griffen das Thema auf. Wissenschaftliche Forschung darüber gibt es bisher jedoch kaum.

Die beiden Experten, die die Kommission zu ihren Werkstattgesprächen eingeladen hatte, arbeiten die Verbrechen in der Colonia Dignidad auch wissenschaftlich auf:

Jan Stehle ist Politologe und beim Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e. V. (FDCL) für den Länderschwerpunkt Chile tätig. Er hat an der FU Berlin zum Umgang bundesdeutscher Behörden mit dem Fall Colonia Dignidad promoviert und begleitet als Aktivist auch die Aufarbeitungsprozesse von Betroffenen.

Philipp Kandler ist Koordinator für das Oral-History-Archiv an der FU Berlin. 30 der geplanten 60 Interviews wurden mit Betroffenen bislang durchgeführt. Teilweise nahm Philipp Kandler an den Interviews persönlich teil.

Bei der Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad handelt es sich aus politischer und strafrechtlicher Sicht um einen hochkomplexen Prozess. Es gibt viele verschiedene Opfergruppen und eine hohe Betroffenheit in gleichzeitig unterschiedlichen Kontexten: Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs, Opfer von Folterungen, Diktaturopfer, Deutsche, Chilenen. Es muss zudem davon ausgegangen werden, dass ein Teil der Betroffenen gleichzeitig auch Täterinnen und Täter waren. Dieser Umstand stellt für den Hilfsfonds eine besondere Herausforderung dar, wenn darüber entschieden werden soll, wer von den Antragsstellenden einen Anspruch auf die Leistungen des Fonds hat.

Jan Stehle spricht von internen und externen Verbrechen, die in der Colonia Dignidad stattfanden. Als interne Taten nennt er sexuellen Kindesmissbrauch, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Zwangsarbeit. Den externen Taten ordnet er Kindesentführung und betrügerische Adoptionen zu, sexuellen Kindesmissbrauch an chilenischen Kindern, Folter und Mord an Gefangenen der Militärdiktatur, Wirtschafsverbrechen sowie Waffenherstellung und Waffenhandel.

Wissenschaftliche Aufarbeitung dringend notwendig

Jan Stehle hält es für wichtig, dass die Überlebenden angehört werden, dass ihnen zugehört wird. Dies sei "ein wichtiges Zeichen der Zuwendung und Anerkennung", betonte er. Für ähnlich bedeutend hält er die wissenschaftliche Auswertung von Anhörungen aber auch von noch existierendem Aktenmaterial.

Wir brauchen dringend eine wissenschaftliche Ebene in der Aufklärung und Aufarbeitung der Colonia Dignidad.
Jan Stehle

Die Geschichten von Betroffenen sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind auch für die wissenschaftliche Aufarbeitung zentral. Jedoch wird das Sprechen vielen von ihnen nicht leicht gemacht. Es wurden über die Jahre immer wieder Untersuchungen angestoßen. Aber man hat nie mit den Überlebenden vor Ort in Deutschland oder in Chile unter vier Augen sprechen können, berichtete Jan Stehle. Falls ein Gespräch überhaupt zustande kam, dann wurden die Personen immer von Mitgliedern des ehemaligen Führungskreises begleitet und standen unter dem Druck ihres Einflusses. Nach der Festnahme Paul Schäfers 2005 wurde die Siedlung nicht aufgelöst und ihre Wirtschaftsstrukturen beibehalten. Der Leitung des komplexen Firmenkonstrukts gehören Kinder ehemaliger Führungspersonen der Colonia Dignidad an, die das einst ungleichmäßig verteilte Vermögen der Kolonie durch den Sektenführer Paul Schäfer heute verwalten. Die heutige Situation in der Siedlung sei intransparent und laufe den Bedürfnissen vieler Opfer und der Aufarbeitung zu wider.

Auch äußerte Jan Stehle die Befürchtung, dass die Ehemaligen sich immer wieder in abgeschottete, "postsektenhafte" Situationen und Gruppierungen begeben, weil sie aufgrund ihrer ideologisch-religiösen Prägung in Schäfers Sekte eine neue spirituelle Heimat suchen.

Die Colonia Dignidad als Instrument für sexuellen Kindesmissbrauch

Auch Philipp Kandler hat im Rahmen seiner Arbeit für das Oral-History-Archiv die Erfahrung gemacht, dass die erste Kontaktaufnahme zu den ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlung in Deutschland schwierig ist. Eine größere Gruppe von ihnen ist in der freikirchlichen Gemeinde "Freie Volksmission Krefeld" organisiert. Bei den Interviews selbst zeigt sich dann aber meist eine große Bereitschaft zu sprechen.

Nach allem, was wir heute wissen, so Philipp Kandler, muss man davon ausgehen, dass die gesamte Grundkonstruktion der Colonia Dignidad von Sektenführer Paul Schäfer darauf ausgerichtet war, sexuelle Gewalt auszuüben: der abgeschiedene Ort in Chile, den er für die Siedlung ausgewählt hatte, die Machtstrukturen oder auch die Sprachbarriere der Bewohnerinnen und Bewohner. Andere Mitglieder der Führungsriege könnten im Gegensatz dazu abweichende Ziele verfolgt haben.

Die sexuelle Gewalt in der Colonia Dignidad war auf Grund der Machtstrukturen nicht nur möglich, sondern die Strukturen waren darauf ausgelegt, sexuellen Missbrauch zu ermöglichen.
Philipp Kandler

Man müsse zudem davon ausgehen, dass alle Männer, die in der Kolonie aufgewachsen sind, in ihrer Kindheit von Schäfer sexuell missbraucht wurden. Kandler bewertet die Sekte als ein Instrument für Schäfer, mit dem er straflos sexuelle Gewalt gegen Kinder ausüben konnte. Was die Dimension des sexuellen Kindesmissbrauchs betrifft, handelt es sich es sich daher vermutlich um hunderte Betroffene.

Missbrauch als einzige Art der "Zuwendung"

Der sexuelle Missbrauch durch Schäfer wurde von den Kindern und Jugendlichen als einzige Art der Anerkennung und Aufmerksamkeit erlebt, berichtete Philipp Kandler. Manche der Betroffenen sprachen sogar von Liebe, auch wenn sie sich dabei unwohl und unfrei fühlten.

Der Missbrauch war die einzige Form der Zuwendung, die sie erhalten haben.
Philipp Kandler

Da die Bewohnerinnen und Bewohner der Colonia Dignidad in ihrer Kindheit und Jugend keinerlei sexuelle Aufklärung erhielten, realisierten sie erst als Erwachsene und nach Auflösung der Sekte, was ihnen dort geschehen ist. Die Isolation der Gemeinschaft und das System der Denunziation und Bestrafung machten das Sprechen innerhalb der Gemeinschaft und einen Austausch der Betroffenen über die erlebte Gewalt unmöglich.

Im ersten Teil der neunten Werkstattgespräche beschäftigte sich die Kommission mit sexuellem Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas. Zur Meldung


Zurück zur Übersicht