Die Kommissionsmitglieder stellen sich vor: Silke Birgitta Gahleitner


29.06.2022 – Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, hat Julia Gebrande und Silke Birgitta Gahleitner als neue Mitglieder der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs berufen. Doch wer sind sie? Was hat sie angetrieben, sich der fachlichen und ehrenamtlichen Arbeit gegen sexualisierte Gewalt zu widmen? Und welche Akzente wollen sie in ihrer Arbeit setzen? Silke Birgitta Gahleitner, Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, stellt sich vor.


Frau Gahleitner, wie haben Sie sich aufgenommen gefühlt beim ersten Treffen der Kommission?

Wir hatten das große Glück, dass wir gleich mit einer sehr herzlichen Verabschiedung der Kommissionsmitglieder Brigitte Tilmann und Peer Briken begonnen haben. Und allein schon an dem Umgang damit habe ich gespürt, dass es eine sehr gute Zusammenarbeit wird. Die Art und Weise, so offen und emotional, hat mir sehr gut gefallen und ich hatte den Eindruck, da komme ich in einen Zusammenhang, wo eine fachlich gute Zusammenarbeit auch in einer schönen menschlichen Verbundenheit passieren kann. Dass ich in ein gutes fachliches Ambiente komme, davon habe ich mich ja vorher schon überzeugen können. Ich habe die Arbeit schon viele Jahre begeistert mitverfolgt.

Wie haben Sie die Arbeit der Kommission in den vergangenen Jahren wahrgenommen?

Man muss dazu sagen, ich habe zu dem Thema auch schon meine Diplomarbeit und Dissertation geschrieben, und damals gab es einen sehr starken Rückschlag für die Frauenbewegung und die Bewegung, Missbrauch öffentlich zu machen: Die Debatte zum so genannten „Missbrauch mit dem Missbrauch“. Und danach gab es ein sehr langes Schweigen. Ich bin damals für alle möglichen Vorträge eingeladen worden, aber nicht für dieses Thema! Und dann 2010 (so genannter Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche – siehe Glossar, d.Red.), als das große Medienecho war, bin ich urplötzlich permanent zu diesem Thema eingeladen worden. Und ich habe die ganze Zeit gedacht, man müsste systematisch etwas machen, nicht nur punktuell versuchen, dem Thema mehr Gehör zu verschaffen. Nur dann können Betroffene darüber offener sprechen, das war mir klar, auch von meiner wissenschaftlichen Beschäftigung und meiner Praxis in dem Themenkreis. Und es hat mich wahnsinnig gefreut, dass ich das Gefühl hatte, jetzt kommt es endlich mal in eine zentrale Hand, die das wirklich ernst nimmt und wo versucht wird, systematisch den Betroffenen bessere Bedingungen zu schaffen. Denn bei aller Prävention, wir werden immer Betroffene haben, und es wird immer wichtig sein, für sie ein gesellschaftlich nicht viktimisierendes Klima zu schaffen. Sondern ein Klima, in dem man sich öffnen kann, sich aufgehoben fühlen kann, wo man Solidarität und Anerkennung erfährt für das, was man geleistet hat. Ich habe auch die Forschungsarbeiten verfolgt, der Bericht „Erwartungen Betroffener“ hat mir z. B. sehr gut gefallen. Ich hätte mir sehr gewünscht, das hätte es schon vor 30 Jahren gegeben, als ich mit meiner ersten Klientin dazu gearbeitet habe. Es gab damals auch schon ein bisschen Literatur, aber sehr wenig. Das hätte mir unglaublich geholfen damals als werdende Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin.

Ich bin in den letzten 20 Jahren oft gefragt worden: Warum arbeitest du in so einem schwierigen Feld? Ich arbeite da sehr sehr gerne, weil ich das Gefühl habe, ich kann etwas bewegen.

Welche Fachexpertise und Interessen bringen Sie mit in die Kommission?

Ich bin, trotzdem ich damals noch sehr jung war, ein Kind der Frauenbewegung. Meine erste Klientin, das war im Frauenhaus und es hat mich damals sehr betroffen als junge Fachkraft. Ich wollte einfach besser verstehen, um damit auch besser unterstützen zu können. Und ich glaube, das ist die Hauptquelle, das Hauptziel meiner Motivation: noch besser nach Möglichkeiten der Unterstützung suchen angesichts dieser tiefen Ungerechtigkeit, dieses gewalttätigen Eingriffs. Weil ich weiß, dass wenn es eine gute Unterstützung gibt, am besten in Zusammenarbeit mit den Betroffenen selbst, dass sich dann konstruktive Kräfte entfalten können, das habe ich oft erlebt. Und daran möchte ich gerne mitarbeiten.
Ich bin in den letzten 20 Jahren oft gefragt worden: Warum arbeitest du in so einem schwierigen Feld? Ich arbeite da sehr sehr gerne, weil ich das Gefühl habe, ich kann etwas bewegen. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, über Forschung noch mehr zu verstehen, und noch mehr Möglichkeiten zu entwickeln, Bewältigung zu unterstützen. Das zeichnet die Kommission aus, und das ist auch meine Aufgabe im Hochschulbereich. Und das ist auch das, was mich dazu gebracht hat, in die sogenannte Adressat*innenforschung zu gehen. Adressat*innenforschung versucht ja, mit Betroffenen zusammen, sich an Betroffene zu richten, letztendlich Betroffenen eine Stimme zu verleihen, also das Ganze partizipativ zu gestalten. Und das ist mir ein großes Anliegen.

Einer der Themenschwerpunkte, die Sie übernehmen werden in der Kommission, ist das Thema rituelle Gewalt. Das ist vielleicht eines der schwierigsten Themen. Wie blicken Sie auf die erste Anhörung, an der Sie teilnehmen werden?

Ich bin ja schon länger in dem Bereich organisierter Gewalt tätig. Ich hatte ein großes Forschungsprojekt zu Frauenhandel. Und die Beschäftigung damit hat mir auch geholfen, den Bereich zu begreifen. Wir müssen ihn als Bestandteil unserer Welt begreifen, es hat keinen Sinn, vor den Themen davonzulaufen, die existieren, sondern wir müssen uns ihnen stellen. Mir ist es bisher immer so gegangen, umso mehr ich in den Bereich reingehe, mit Betroffenen spreche, die Interviews verarbeite, damit wissenschaftlich arbeite, ist es auch möglich, damit zu leben und dann auch zu versuchen, etwas zu bewegen.
Ich bin natürlich trotzdem immer wieder in Situationen gekommen, wo ich sage: „Das ist unbegreiflich!“ Es gibt Situationen, wo einem jeder Maßstab davonfliegt und man in eine Fassungslosigkeit gerät - und das würde ich auch in Anspruch nehmen wollen, dass es dann eben so ist und Fassungslosigkeit da ist in dem Moment. Aber dem würde ich mich gerne stellen. Die Betroffenen haben hier unseren Einsatz ganz besonders verdient.

Viele Betroffene haben uns berichtet, dass sie den Umgang mit ihnen beim Fonds Heimerziehung als abermals entwürdigend erlebt haben.

Welche Akzente wollen Sie in den Schwerpunkten DDR und Heimkinder setzen?

Bei den Heimkindern bin ich durch das letzte Forschungsprojekt noch stärker involviert als früher. Wir haben im Projekt TESTIMONY Interviews spezifisch in Bezug auf sexualisierte Gewalt gemacht. Ähnlich wie bei ritueller Gewalt geht es hier um sehr, sehr massiven Gewalteinfluss und lebenslange Beeinträchtigungen - da sind wir noch lange nicht am Ende dessen, was man tun kann. Viele Betroffene im aktuellen Testimony-Projekt haben uns beispielsweise berichtet, dass sie den Umgang mit ihnen beim Fonds Heimerziehung als abermals entwürdigend erlebt haben.
Ich bin der DDR auch biografisch nah, denn meine Mutter ist vor vielen Jahren geflohen, und das war bei uns immer Thema. Ich habe viele Verwandte in den neuen Bundesländern und wohne auch dort. Und ich finde auch hier greift Chancenungleichheit. Es ist noch deutlich schwieriger für Betroffene in den neuen Bundesländern, sich zu melden, es gibt weniger Anlaufstellen, das Thema dringt dort schwer durch.

Wenn Sie den Neustart der Kommission als Ganzes sehen, der fast zeitgleich mit dem Amtsantritt von Kerstin Claus stattfindet, der neuen Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, dazu seit letztem Jahr eine neue Bundesregierung- welche Herausforderungen sehen Sie?

Das ist keine leichte Frage. Judith Lewis Herman, eine wichtige Traumaforscherin, hat einmal herausgearbeitet, dass es immer wieder Wellen gibt, in denen das Thema sich an die Oberfläche kämpfen kann, aber dass es danach auch immer wieder Einbrüche gibt, wo es wieder unterdrückt und verschwiegen wird. Die neue Missbrauchsbeauftragte und die Mitarbeit in der Kommission machen wir unglaublich Mut, dass wir viel erreichen können, weil ich dort ein riesiges Engagement für die Sache spüre. Ich bin dennoch vorsichtig, weil ich in den letzten 25 Jahren auf verschiedensten Ebenen immer wieder große und kleine Rückschläge erlebt habe. Wir haben in den letzten Monaten erfahren, wie unglaublich schnell sich sogar globale Situationen verändern können. Aber die Aufarbeitung steht ja im Koalitionsvertrag, das stimmt mich zuversichtlich. Und in unserem Kreis sehe ich auf jeden Fall viel intrinsische Motivation, voranzugehen. Ich möchte die Hoffnung auf keinen Fall aufgeben. Das war auch meine Motivation für die Mitarbeit und diese ist ungebrochen. Ich bin sicher, dass wir mit der Kommission viel vorantreiben können!

Das Interview führte Sonja Gerth.


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