Berlin, 15.03.2018

Aufarbeitungskommission sexuellen Kindesmissbrauchs betont im Gespräch mit Bundespräsident Steinmeier: Die Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und ihre ständigen Gäste sprachen gestern mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über die Bedeutung von Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs für die Gesellschaft.

Berlin, 15.03.2018. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und ihre ständigen Gäste, Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Manuela Stötzel, Leiterin der Arbeitsstabes des Unabhängigen Beauftragten, sowie Hjördis E. Wirth und Matthias Katsch, Mitglieder im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten, trafen sich am 14. März 2018 mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender zu einem Gespräch.

Dieses Gespräch ist ein wichtiges Signal für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und für die Anerkennung der Betroffenen, die Aufarbeitung in der Vergangenheit maßgeblich vorangetrieben haben. Prof. Dr. Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission, verdeutlichte das große Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs:

„Durch die vielen vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichte von Betroffenen und auch die öffentlichen Hearings, die die Kommission bisher durchgeführt hat, wird deutlich, wie groß die Dimension sexuellen Kindesmissbrauchs ist und wie schwerwiegend die Folgen für Betroffene sind.“

Die Kommission konnte bisher vertiefte Einblicke in die Tatkontexte Familie und DDR erhalten und arbeitet aktuell zu den Schwerpunkten Kirchen sowie rituelle und organisierte Gewalt. Die Arbeit der Kommission endet im März 2019. Bisher haben sich über 1500 Betroffene bei der Kommission gemeldet; etwa die Hälfte wurde bisher angehört. Viele Anhörungen stehen noch aus und zahlreiche Kontexte wie das Versagen von Jugendämtern, von dem immer wieder berichtet wird, Missbrauch in Schulen, in der Jugendbewegung oder im organisierten Sport konnten bisher noch nicht untersucht werden. Für eine Fortsetzung ihrer Arbeit benötigt die Kommission dringend die Unterstützung der Politik.

„Uns allen muss klar sein: Aufarbeitung braucht Zeit und einen langen Atem. Ohne Aufarbeitung der Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit kann kein nachhaltiger Schutz von Kindern und Jugendlichen gelingen.“, so Andresen.

Das Gespräch diente auch dem Austausch darüber, wie der Bundespräsident die Arbeit der Kommission und die Belange von Betroffenen unterstützen kann. Bundespräsident Steinmeier möchte mit der Kommission dazu weiter in Kontakt bleiben.

Ein weiteres wichtiges Thema war die Perspektive der Betroffenen auf die Arbeit der Kommission. Matthias Katsch, Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten und ständiger Gast der Kommission verbindet damit drei für Betroffene wesentliche Aspekte:

„Gerechtigkeit herstellen, Anerkennung übermitteln und Genugtuung ermöglichen: Dazu trägt die Arbeit dieser Unabhängigen Kommission in Deutschland bei. Deshalb ist es so wichtig, dass sie fortgesetzt werden kann. Und deshalb danke ich dem Bundespräsidenten und seiner Gattin, dass sie sich die Zeit genommen haben, um uns, um mir zuzuhören.“

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, dankte dem Bundespräsidenten für den wegweisenden Austausch:

„Es freut mich sehr, dass der Bundespräsident die Aufarbeitungskommission, Betroffene von sexueller Gewalt und mich zu einem Gespräch im Schloss Bellevue empfangen hat. Acht Jahre nach dem Missbrauchsskandal konnten wir nun viele Aspekte von sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen dem Bundespräsidenten darlegen. Warum gelingt uns kein besserer Schutz? Warum erreichen wir keinen Rückgang der unverändert hohen Fallzahlen? Warum stehen Schutz, Hilfe und Aufarbeitung nicht ganz oben auf der politischen Agenda? Die Rückenstärkung durch den Bundespräsidenten ist ein deutliches gesellschaftliches Signal und stärkt Betroffene und alle, die sich in Kitas, Schulen, Kirchen oder Sportvereinen für Schutz und Hilfe bei sexueller Gewalt engagieren.“

Mitglieder der Kommission sind Prof. Sabine Andresen (Vorsitzende), Dr. Christine Bergmann, Prof. Barbara Kavemann, Brigitte Tilmann, Prof. Heiner Keupp und Prof. Peer Briken. Die Kommission hat seit ihrer Berufung in 2016 neben vertraulichen Anhörungen bisher zwei öffentliche Hearings durchgeführt: zu sexuellem Kindesmissbrauch in der Familie und in der DDR. Am 27. Juni 2018 findet in Berlin das dritte öffentliche Hearing statt zum Kontext Kirche und ihrer Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Kommission hatte im Juni 2017 einen ersten Zwischenbericht veröffentlicht. Ein zweiter Bericht folgt im Frühjahr 2019.

Betroffene und andere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die sich über die Arbeit der Kommission informieren oder einen schriftlichen Bericht einreichen möchten, können sich telefonisch (0800 4030040 – anonym und kostenfrei), per E-Mail oder Brief an die Kommission wenden. www.aufarbeitungskommission.de

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