Sexueller Kindesmissbrauch: Betroffene sprechen öffentlich

Berlin, 31.01.2017 Sie haben als Kind in der Familie sexuelle Gewalt erlebt – heute sprechen sie darüber. Öffentlich. Vor 250 Menschen. Beim Hearing der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der Akademie der Künste im Herzen Berlins. Es ist das erste öffentliche Hearing der Kommission, deren Gäste Betroffene, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Verantwortlichen aus Institutionen und Politik sowie Fachkräften aus der Praxis sind.

„Wir müssen alle wissen, was Kindern passiert und was es bedeutet, wenn Kinder von sexueller Gewalt betroffen sind“, so Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission bei der Pressekonferenz zum Hearing. „Mit dem Hearing und den vertraulichen Anhörungen geben wir Betroffenen eine Möglichkeit, dass sie gehört werden. Denn das ist das, was Betroffene bislang zu wenig erfahren haben.“

v.l.n.r.: Wolfgang Stein, Peer Briken, Heiner Keupp, Kirsti Kriegel, Sabine Andresen, Christine Bergmann, Barbara Kavemann, Tamara Luding, Johannes-Wilhelm Rörig, Jens Brachmann, Brigitte Tilmann

Tamara Luding, Betroffene und Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, weiß, wie wichtig Zuhören ist. Was es für Betroffene heißt, wenn sie ihre Geschichte erzählen können.

„Als ich mich nach dem jahrelangen Missbrauch durch meinen Stiefbruder zwei Freundinnen und meiner Nachbarin anvertraut habe, war ich nicht mehr allein. Immer wenn ich mit meinem Bruder allein war, habe ich sie angerufen und sie kam rüber. Dadurch wurde viel Missbrauch verhindert. Ich habe innerhalb einer Woche gemerkt, dass Sprechen hilft. Man glaubt mir, es tut gut und im besten Fall bekomme ich auch noch Unterstützung und der Missbrauch kann zumindest zeitweise verhindert werden.“ so Tamara Luding.

Rund 250 Teilnehmer verfolgten im Plenarsaal der Akademie der Künste das erste öffentliche Hearing zu Missbrauch in der Familie (Webseite der Veranstaltung).
Zu Gast waren Betroffene, Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Mitglieder des Betroffenenrates und Beirats beim Unabhängigen Beauftragten, Expertinnen und Experten verschiedener Fachbereiche wie Beratung, Therapie und Justiz sowie Vertretungen der Dachorganisationen der Zivilgesellschaft.

Sabine Andresen eröffnete das Hearing und machte deutlich, dass sexueller Kindesmissbrauch in der Familie alle angeht. „Kinder waren und sind betroffen, mitten in unserer Gesellschaft. Mit Aufarbeitung wollen wir ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Ausmaß von sexuellem Kindesmissbrauch schaffen. Das Hearing soll Betroffenen einen Raum geben, in dem sie über das sprechen können, was ihnen in der Kindheit widerfahren ist. Für die meisten Betroffenen ist es sehr schwer, über das Erlebte zu sprechen. Wir wollen Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind. Dass Sprechen hilft und Missbrauch verhindern kann. Betroffene von sexuellem Missbrauch sind angewiesen auf Mitmenschen und eine Zivilgesellschaft, die nicht die Augen verschließen“, appellierte Andresen.

Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission

Aufarbeitung: Ein Schlüssel für Prävention von sexueller Gewalt

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hielt das Grußwort und betonte, wie wichtig Aufarbeitung für die Prävention von sexueller Gewalt ist. Sie dankte den Betroffenen für ihren Mut, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen und machte deutlich, dass alles dafür getan werden müsse, um sexuelle Gewalt zu verhindern und dass Betroffenen so gut es geht und so unbürokratisch es geht, geholfen werden müsse.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig

Was haben Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch erlebt?

Zwei Betroffene berichteten im ersten Panel über den sexuellen Missbrauch und die teilweise brutale körperliche Gewalt, die ihnen in ihrer Kindheit widerfahren sind. Die Kommissionsmitglieder Barbara Kavemann und Heiner Keupp führten das Gespräch, das sehr emotional und eindrücklich zeigte, wie Missbrauch in der eigenen Familie vertuscht wird, wie weggeschaut wird, wie schwierig es ist, sich aus der Situation zu befreien und dass die Folgen des Missbrauchs bis heute anhalten und spürbar sind.

Im Anschluss berichteten Betroffene im Publikum über ihre eigenen Erlebnisse und appellierten an die Politik, die Systeme nachzubessern, etwa im Verjährungs- oder Opferentschädigungsgesetz.

Vor dem zweiten Panel referierte Erinnerungsexpertin Aleida Assmann über das Thema Kindesmissbrauch in der Familie und stellte wissenschaftlich dar, wie Missbrauch mit Geheimnis, Schweigen und Reden zusammenhängt und was „Hearing“ in diesem Zusammenhang bedeutet. „Wenn wir von „Hearing“ sprechen, betonen wir das Hören. Und darum geht es auch in jeder einzelnen Anhörung! Wem wir die Rede verweigern“, zitiert Aleida Assmann George Steiner, „den entkleiden wir seines Menschentums“. Aleida Assmanns gesamten Vortrag finden Sie hier.

Erinnerungsexpertin Aleida Assmann

Beim zweiten Panel erzählte eine Betroffene und Angehörige von Betroffenen den Kommissionsmitgliedern Christine Bergmann und Peer Briken sowie dem Publikum ihre Geschichte. Die Mutter eines Betroffenen betonte: „Mütter müssen Kindern glauben. Sie müssen wissen wollen, was passiert ist.“ Man dürfe nicht wegschauen und müsse sensibel sein, denn Missbrauch könne überall passieren – auch da, wo man es am wenigsten ahne: in der Familie, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder in der Schule. Gleichzeitig bräuchten Familien Unterstützung durch Dritte. Die Schwester einer Betroffenen berichtete, dass Sie keine Anlaufstelle kannte, als sie vom Missbrauch an ihrer Schwester erfuhr.

„Für ein Opfer gibt es keine Verjährung“

Eine Betroffene verbildlichte ihre Last des Erlebten: „Ich habe den Rucksack so gepackt, dass ich ihn tragen kann.“ „Das Opfer lebt ein Leben lang mit dem Missbrauch, für ein Opfer gibt es keine Verjährung“, betonte eine andere Angehörige auf dem Panel.

Beim letzten Panel diskutierten Brigitte Tilmann und Jens Brachmann mit Betroffenen und weiteren Expertinnen und Experten über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch. Deutlich wurde, dass der Dialog zwischen Betroffenen und Institutionen wichtig ist, um Mädchen und Jungen in Zukunft besser schützen zu können. „Die Vermittlung von Wissen über sexuelle Gewalt müsse zur Regel werden für alle Institutionen, in denen sich Kinder aufhalten“, so Katrin Schwedes, Leiterin der jüngst ins Leben berufenen Bundeskoordinierungsstelle der Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend.

Bei der Verabschiedung dankte Sabine Andresen allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, insbesondere den Betroffenen für ihr Vertrauen, dass sie der Kommission entgegenbringen. „Das bedeutet uns sehr viel. Wir hoffen, dass wir noch viele Betroffene ermutigen können, sich bei uns zu melden und ihre Geschichten zu erzählen.“

Video-Spot des Hearings.

Erzählen Sie uns Ihre Geschichte

Jede Geschichte zählt! Im Herbst spricht die Kommission erneut öffentlich mit Betroffenen, Angehörigen, Zeitzeuginnen und Zeitzeuginnen sowie Expertinnen und Experten über ihre Erfahrungen. Das zweite öffentliche Hearing findet mit dem Schwerpunkt DDR statt, voraussichtlich in Leipzig oder Dresden. Wenn Sie am öffentlichen Hearing oder an einer vertraulichen Anhörung teilnehmen möchten, melden Sie sich bei der Kommission: 0800 40 300 40 (anonym und kostenfrei) oder über das Anmeldeformular.

Alle Fotos ©H.C. Plambeck