Sexueller Kindesmissbrauch in rituellen und organisierten Gewaltstrukturen im Fokus der vierten Werkstattgespräche

Berlin, 7. November 2017. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sprach mit Expertinnen und Experten im vertraulichen Rahmen über sexualisierte Gewalt in rituellen und organisierten Gewaltstrukturen.

Rituelle Gewalt aus religionswissenschaftlicher Perspektive

Prof. Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt von der Philipps-Universität Marburg stellte ihr noch laufendes Forschungsprojekt mit dem Titel „Rituelle Gewalt und religiöse Identität: Spirituelle Aspekte extremer Gewalt in destruktiven Kulten“ vor. Die Religionswissenschaftlerin führt Interviews mit Überlebenden Ritueller Gewalt im kultischen Kontext.

„In meinem Fach gibt es viele Zweifel an den Überlebenden-Berichten. Dabei sind physische und psychische Gewalt dieses Ausmaßes ja seit langem bekannt und belegt, z. B. aus den Konzentrationslagern. Nur der von den heutigen Betroffenen berichtete kultische Charakter der Folterungen ist relativ neu.“

Frau Herrmann-Pfandt erläuterte, inwieweit der religiöse Rahmen dazu diene, die Traumatisierung der Opfer zu verstärken und damit die Zwecke der Täter zu unterstützen. Die bisher geführten Interviews zeigen auch die Vernetzung von solchen Kulten mit Kinderporno- und Kinderprostitutionsringen und mit rechtsextremistischen Gruppen auf.

Prof. Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt
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Umgang mit Betroffenen und Hilfen

Für einen bewussten Umgang mit Personen aus dem Kontext rituelle Gewalt warb Alex Stern aus dem Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Menschen, die mit Traumatisierten arbeiten, müssten mutig sein und Haltung, Empathie und Kreativität mitbringen, anstatt sie aus der eigenen Unsicherheit heraus bevormundend zu behandeln, so Alex Stern. Claudia Igney, Sozialwissenschaftlerin und Mitarbeiterin von Vielfalt e. V., sieht in dem Werkstattgespräch einen ersten Schritt:

„Dieses Gespräch zu ritueller Gewalt ist ein enormer Fortschritt. Trotzdem brauchen wir noch mehr Unterstützung vielfältigster Art. Wir brauchen endlich eine solide Finanzierung der spezialisierten Fachberatungsstellen. Wir reden seit 30 Jahren über sexuelle Gewalt und haben noch immer nicht genügend Ressourcen.“

Michaela Huber, Psychologin und erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation, berichtete über eine große Anzahl von Menschen, die von ritueller Gewalt betroffen sind. Die Verbindung zum organisierten Verbrechen zeige, dass „die Thematik ernst genommen werden muss, diese Strukturen existieren wirklich.“ Besonders für Menschen, die sich entscheiden, aus den Strukturen auszusteigen, gibt es kaum Angebote und Hilfen: „Wir haben einen bestimmten Bedarf geweckt, den wir dann gar nicht decken können.“

v.l.: Michaela Huber, Claudia Igney
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Dissoziative Identitätsstörung als Folge eines Traumas

Betroffene ritueller und/oder organisierter Gewalt leiden häufig unter Traumafolgestörungen. Vielfach handelt es sich dabei um eine Dissoziative Identitätsstörung. Eine Dissoziation kann entstehen, wenn eine Person in einem traumatisch-sozialen Umfeld lebt, erhebliche psychische oder physische Gewalt erfährt und in der Folge aus Schutz, sich Teile der eigenen Persönlichkeit abspalten. „Die Person verhält sich dann so, als wären da viele, und dieses Verhalten ist hervorgerufen durch das erlittene Trauma“, erläuterte Dr. Ursula Gast, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin. Neben der Dissoziativen Identitätsstörung können aber auch andere Traumafolgestörungen wie eine Borderline-Störung oder eine Schizophrenie auftreten.

„Bei allen Traumfolgestörungen gibt es eine unglaubliche Abwehr, diese zu akzeptieren. Denn das bedeutet und setzt voraus, auch Ursachen wie sexuellen Missbrauch zu akzeptieren. Aber für viele Menschen kann nicht sein, was nicht sein darf.“

Neben Dr. Ursula Gast nahmen auch Prof. Dr. Ulrich Sachsse, u. a. Psychotherapeut und Psychotraumatologe, und Dr. Brigitte Bosse, ärztliche Psychotherapeutin und Leiterin des Traumainstituts  Mainz, an dem Gespräch teil. „Die Forschung muss noch stärker vorangetrieben werden, um das Tabu der Dissoziativen Identitätsstörung zu brechen“, so Dr. Brigitte Bosse. Fast alle Therapeutinnen und Therapeuten, die mit Betroffenen von ritueller Gewalt arbeiten, halten das, was Patientinnen und Patienten ihnen berichten für glaubhaft und erlebnisbasiert. Darum sei es wichtig, über das Thema zu informieren und auch über Täterstrategien zu sprechen. „Ich wünsche mir, dass die Kommission dazu beitragen kann, das Tabu um Traumafolgestörungen zu durchbrechen“, betonte Dr. Ursula Gast.

v.l.: Prof. Dr. Ulrich Sachsse, Dr. Ursula Gast, Dr. Brigitte Bosse
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Programmierung und Ausstiegshilfe: Eine Betroffene berichtet

Über ihren Ausstieg aus einem Kult berichtete Sabine Weber. Sie ist Überlebende organisierter ritueller Gewalt und bietet heute anderen Betroffenen Beratungen im Trauma Hilfe Zentrum München für den Ausstieg und zu möglichen Hilfen an. „Es reicht nicht, nur Überlebende zu sein; man braucht auch Fachwissen.“ Menschen, die in einem ideologischen Kontext aufgewachsen sind, brauchen einen bestimmten Grund, um auszusteigen. Denn mithilfe von Ideologien werden sie so trainiert, dass sie eine sehr starke Bindung  an die Gruppe entwickeln.

„Für mich war es unheimlich schwierig, den Zusammenhang zwischen dem Missbrauch durch die Familie und jenem durch den Kult zu erkennen und dann zusammen zu kriegen, dass Kult und Familie das Gleiche ist. Also das war für mich am Anfang etwas Getrenntes und dann habe ich verstanden, das war ja meine Familie.“

Sabine Weber wünscht sich, dass schon in der Schule Aufklärungsarbeit betrieben und mehr finanzielle Mittel in die Hilfen für Betroffene und die Prävention investiert  werden.

v.l.: Sabine Weber, Dipl. Psych. Susanne Nick
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Vorstellung des Forschungsprojekts unter der Leitung von Kommissionsmitglied Prof. Dr. Peer Briken

Unter dem Projekttitel „Professionelle Begleitung von Menschen, die sexuelle Gewalt und Ausbeutung, im Besonderen organisierte rituelle Gewalt, erlebt haben: Die Perspektive der Betroffenen und der Fachkolleg_innen“ untersucht u. a. Dipl. Psych. Susanne Nick, stellvertretende Leitung der Spezialambulanz für Traumafolgestörungen der Universitätsklinik Hamburg, die Unterstützungsmöglichkeiten im psychosozialen Hilfesystem für Betroffene von ritualisierter Gewalt. Ziel des Projektes ist es, Daten zur aktuellen Versorgungssituation, Vorkommen und spezifischen Bedarfen nach sexueller Gewalt, im Besonderen organisierter ritueller Gewalt, in Deutschland zu erheben.

„Es gibt zwar viel fachliches Praxiswissen über organisierte und rituelle sexuelle Gewalt. Aber es ist bisher nicht an einen wissenschaftlichen Kontext angebunden. […] Auch wird viel zur Psychotraumatologie geforscht, aber ritueller Missbrauch findet in der Traumaforschung bisher kaum Berücksichtigung.“

An zwei verschiedenen Online-Befragung haben 165 Betroffene (diese Befragung ist bereits abgeschlossen) und bisher 125 Behandlerinnen und Behandler teilgenommen.