Eröffnung der Wanderausstellung „Aufbruch in die Vergangenheit“: Kommissionsmitglieder zu Besuch in Torgau

Torgau/Berlin, 10. September 2016. Am 14. Treffen ehemaliger DDR-Heimkinder in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau nahmen heute auch die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen, sowie zwei weitere Mitglieder der Kommission, Brigitte Tilmann, ehemalige Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt/M., sowie Jens Brachmann, Bildungshistoriker, teil.

Kommissionsmitglieder zu Besuch in Torgau

v. l. n. r.: Brigitte Tilmann, Jens Brachmann, Sabine Andresen, Matthias Katsch

Welchen Themen widmet sich die Kommission? Welchen Stellenwert hat die Aufarbeitung von Missbrauch in DDR-Heimen? Wie werden die Anhörungen ablaufen? In dem Podiumsgespräch „Das Ende des langen Schweigens und der Beginn des Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in DDR-Heimen“ stellten die Kommissionsmitglieder ihre Arbeit vor und sprachen insbesondere über die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in DDR-Heimen. Hierzu wird es ein öffentliches Hearing der Kommission geben. Neben Andresen und Brachmann nahmen auch Matthias Katsch, Betroffener Canisius Kolleg und Mitglied des Betroffenenrates beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, und Dr. Christian Sachse, Theologe und Politologe und Experte der DDR-Heimerziehung, teil.

Sabine Andresen

„Die Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder in der DDR hat für die Kommission große Bedeutung. Wir stehen dazu in einem intensiven Austausch mit Betroffenen und spezialisierten Beratungsstellen. Für unsere Arbeit ist unverzichtbar, die spezifische gesellschaftliche Situation unter den politischen Bedingungen in der DDR gründlich einzubeziehen. Dazu holt sich die Kommission zusätzliche Expertinnen und Experten ins Boot, um ein öffentliches Hearing, aber auch die vertraulichen Anhörungen gut vorzubereiten. Schon jetzt zeigt sich der Kommission ein deutliches Bild: Betroffene aus der DDR-Heimerziehung und ihre Rechte werden kaum beachtet. Darum ist gerade für die Aufarbeitung der Umgang mit Betroffenen auch nach 1989 ein wesentlicher Aspekt.“

Sabine AndresenVorsitzende der Kommission
Jens Brachmann

„Die Aufarbeitung der vielfach unbegreiflichen Zustände und der Verantwortlichkeiten für Verbrechen in den Heimen der DDR-Jugendhilfe braucht noch immer alle staatliche Unterstützung. Die geplanten öffentlichen Anhörungen der Kommission zum Themenkomplex „Heimerziehung in der DDR“ können zur Anerkennung des Unrechts und zur Versöhnung beitragen, wenn die Überlebenden des repressiven DDR-Heimsystems aktiv in die Vorbereitung und Planung dieser Veranstaltungen einbezogen werden. Die Teilnahme von Kommissionsmitgliedern am Jahrestreffen der ehemaligen Heimkinder der DDR soll Auftakt für eine solche enge Zusammenarbeit sein.“

Jens BrachmannMitglied der Kommission

Ein wichtiges Ziel für die Kommissionsmitglieder ist der Austausch mit Betroffenen, um Vertrauen zu schaffen, etwaige Fragen zu klären und hilfreichen Input für die zukünftige Arbeit mit nach Hause zu nehmen.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion wurde die Wanderausstellung „Aufbruch in die Vergangenheit“ vom Verein Königsheider Eichhörnchen und Dr. Sachse eröffnet, die das Leben im größten Kinderheim in der DDR, in der Berliner Königsheide, dokumentiert. Das Kinderheim mit rund 600 Kindern und Jugendlichen galt als Vorzeigeheim in der DDR. Die Wanderausstellung beleuchtet nun erstmals die Geschichte dieses Kinderheims.

Zum Hintergrund: In der heutigen Gedenkstätte Torgau befand sich der einzige Geschlossene Jugendwerkhof der DDR, eine Disziplinierungsanstalt der Jugendhilfe. Zwischen 1964 und 1989 wurden über 4.000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren zur „Anbahnung eines Umerziehungsprozesses“ eingewiesen. Der Jugendwerkhof Torgau glich einem Gefängnis, die Kinder und Jugendlichen wurden streng bewacht, mussten sich völlig unterordnen und waren permanent physischer, psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Weitere Informationen über die Gedenkstätte und die Ausstellung finden Sie hier: www.jugendwerkhof-torgau.de