„Wir hätten uns gewünscht, dass manches schneller geht“


20.12.2021 - Prof. Dr. Sabine Andresen hat ihr Amt als Vorsitzende der Aufarbeitungskommission am 30. September 2021 niedergelegt. In einem persönlichen Gespräch zieht sie Bilanz über fast sechs Jahre an der Spitze der Kommission, Überraschungen und Enttäuschungen, und ihren Umgang mit bedrückenden Berichten betroffener Menschen.


Eine Frau steht an einem Stehtisch, schaut in die Kamera und spricht.
Prof. Sabine Andresen beim Symposium Pädosexuelle Netzwerke im Juni 2021

Fast sechs Jahre Aufarbeitungskommission - würden Sie sagen, dass das Thema Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch in dieser Zeit etwas mehr in der Gesellschaft angekommen ist?

Sabine Andresen: So leicht ist das nicht zu beantworten. Wenn ich jetzt Kriterien festlegen soll, an denen man das festmachen kann, ist das sicherlich das Interesse der Medien an der Arbeit der Aufarbeitungskommission, dann habe ich den Eindruck, dass wir durch unsere Hearings, Berichte und Studien mehr Aufmerksamkeit erzielt haben, und die Hoffnung auch ist, dass wir darüber das Bewusstsein der Menschen erreichen.

Im Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien wird auf die Arbeit der Kommission verwiesen, auch mit dem Hinweis, dass die Arbeit der Kommission fortgesetzt werden und geprüft werden soll, ob eine gesetzliche Verankerung struktureller Aufarbeitung ermöglicht werden soll. Letzteres wäre wichtig.

Wahrscheinlich muss man damit rechnen, dass sich die Arbeit der Aufarbeitungskommission erst nach sehr langer Zeit entfaltet, in dem Sinn, dass sie hineinwirkt in die verschiedenen Schichten der Gesellschaft, daher scheint die Laufzeit bis Ende 2023  zu knapp bemessen.

Sabine Andresen: Die Laufzeit bis 2023 ist definitiv zu kurz. Denn eines haben wir ja gelernt: dass Aufarbeitung Zeit braucht, und dass man sehr hartnäckig sein muss. Auch vor dem Hintergrund der Tatkontexte und der Spezifika, die Betroffene einbringen durch das, was sie berichten. Hier braucht es noch einmal deutlich mehr Zeit und Ressourcen, und man muss darüber nachdenken, dass auch eine nationale Kommission in ihrer Unabhängigkeit zu stärken ist, sie eine gesetzliche Grundlage benötigt und nochmal mit weiteren Ressourcen auszustatten ist.

Welche Bereiche sehen Sie denn in der Zukunft noch als wichtig an?

Sabine Andresen: Ich denke, beim Sport stehen wir wirklich erst am Anfang, da sehe ich nach wie vor großen Aufarbeitungsbedarf. Die Schule, auch das hat die Kommission angestoßen, ist ein wichtiges Handlungsfeld für Aufarbeitung. Der Aufruf der Kommission aus dem Frühjahr 2021 ist ganz wesentlich und wir haben damit die Hoffnung verbunden, dass sich neben Betroffenen auch andere Zeitzeuginnen und –zeugen melden, zum Beispiel Lehrkräfte. Auch da sehe ich vor dem Hintergrund der komplizierten Bildungslandschaft in Deutschland mit den Zuständigkeiten große Herausforderungen und einen großen wichtigen Arbeits- und Aufgabenbereich für Aufarbeitung.

Dann haben wir bislang nur erste Ergebnisse hervorbringen können für die Aufarbeitung von organisierten Strukturen aus der Perspektive von Betroffenen. Auch das harrt weiterer Schritte, ebenso wie die Frage was Aufarbeitung rund um äußerungsrechtliche, archivrechtliche Belange berücksichtigen muss und leisten kann. Damit verbunden ist ein weiteres Themenfeld, nämlich die Rolle von Jugendämtern in den verschiedenen Jahrzehnten. Hier deutet sich ja einiges an, beispielsweise bei der Studie, die das Team der Uni Hildesheim verantwortet hat. In der geht es um Helmut Kentler und die Vermittlung von Kindern durch Jugendämter an strafrechtlich verurteilte Täter. Da ist auch noch großer Aufarbeitungsbedarf. Die Kommission hat eine Fallstudie zum Thema Jugendämter in Auftrag gegeben, im Rahmen der die zahlreichen vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichte hierzu ausgewertet werden.

Sie sind Professorin für Erziehungswissenschaften und beschäftigen sich schon sehr lange mit dem Thema. Gab es in den letzten fünf Jahren trotzdem einen Moment für Sie wo Sie gesagt haben: das war jetzt eine neue Erkenntnis, die ich mitnehme?

Sabine Andresen: Es hat eine Reihe von überraschenden Momenten gegeben im Laufe meiner Tätigkeit in der Aufarbeitungskommission. Eine Erkenntnis ist die, wie extrem ausgeliefert Kinder und Jugendliche in Familien sind, wenn sie hier sexuelle Gewalt erleben, und mit wie vielen weiteren Formen von Missachtung, Herabwürdigung und Gewalt diese Erfahrung in Familien häufig einhergeht. Also dieses hohe Maß an Abwertung, abschätziger Behandlung, alltäglicher Grenzüberschreitung, nicht nur von denjenigen, die sexuelle Gewalt verüben, sondern auch von anderen Familienmitgliedern. Also das hat mir teilweise den Atem genommen und dafür auch eine gute Sprache zu finden in der Analyse und in der Studie, das hat mich sehr beschäftigt.

Eine Erkenntnis, die wir in der Kommission gewonnen haben, ist, wie schwer es Menschen fällt, das Wissen über sexuelle Gewalt an sich heranzulassen, es sich wirklich vorstellen zu wollen und das damit verbundene Leid nicht abzuwehren. Und dass sich das so durchzieht durch die Geschichte von Kindheit und Jugend in Deutschland, das ist ein Aha-moment.

Gab es für Sie eine große Enttäuschung in den Jahren als Vorsitzende der Aufarbeitungskommission?

Wir alle in der Kommission hätten uns vermutlich gewünscht, dass manches schneller geht, zum Beispiel, Politik und Gesellschaft davon zu überzeugen, wie wichtig Aufarbeitung ist. Das hat eher so eine emotionale Komponente, wenn man versucht, mit großer Intensität etwas in einem Bereich voranzubringen, in dem Widerstände und Abwehrreflexe sehr dominant sind. Das liegt vielleicht ein Stückweit in der der Natur der Sache.

Hier ist weiterhin die Aufarbeitung nötig, auch um zu überzeugen, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für das Hier und Heute wichtig ist. Wie gehen Sie privat mit dem Thema sexueller Missbrauch um? Wenn das Thema zur Sprache kommt, gehen die Menschen schnell  in die Defensive?

Sabine Andresen: Das kommt natürlich vor. Ich habe aber auch gegenteilige Erfahrungen im privaten Umfeld gemacht, dass ich bei einem Abendessen zu dem ich eingeladen wurde, dezidiert gefragt wurde, weil Personen ein Interview gehört haben, oder etwas gelesen haben über die Kommission und die Aufarbeitung in bestimmten Tatkontexten. Ich versuche da ein gutes Maß zu finden, indem ich interessierte Fragen beantworte, erzähle, wo man sich informieren kann, wenn man sich weiter damit befassen möchte, aber kein abendfüllendes Thema daraus mache. Das ist schon wichtig. Und ich mache persönlich die Erfahrung, immer häufiger gefragt zu werden.

Aber der Umgang mit Berichten und Anhörungen ist natürlich auch belastend, gerade wenn man sie in geballter Form vor sich hat. Was ist denn Ihre Strategie um abzuschalten und die mentale Gesundheit zu pflegen?

Sabine Andresen: Das ist ganz wichtig, das zu machen und danach zu suchen was passend ist. Ich hatte - als ich in der Kommission den Vorsitz übernommen habe - angefangen, Gesangsunterricht zu nehmen und habe das einmal in der Woche gemacht. Das ist durch die Pandemie durchbrochen worden, es gab zwischendurch auch längere Pausen, wenn ich es gar nicht mehr geschafft habe, denn ich habe ja im Grunde zwei Vollzeitjobs und wenig Pause gemacht. Aber das Singen hat mir viel Kraft gegeben, sowohl körperlich als auch seelisch, und auch ästhetisch ist es befreiend. Dann habe ich viel Sport gemacht, bin viel abends laufen gewesen. Ich muss auch sagen, sowohl meine Familie als auch Freundinnen und Freunde sind wichtige Ausgleichspersonen gewesen, die das mitgetragen haben. Also wenn die Familie das nicht unterstützt und wichtig findet und die Freundinnen und Freunde nicht großzügig sind, wenn ich mich länger nicht gemeldet habe, das ist eines. Aber auch mein Team hier an der Uni und die Studierenden, der Beruf und die Möglichkeiten, die sich mir als Wissenschaftlerin bieten, sind natürlich auch ein Schatz. Also ich sehe das auch zum Entspannen.

Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen spricht beim 1. Öffentlichen Hearing der Kommission.
Prof. Sabine Andresen beim ersten Hearing der Kommission im Januar 2017

Jetzt haben Sie an der Goethe-Universität Frankfurt weitere wichtige Aufgaben übernommen. Wenn Sie zurückschauen, lassen Sie die Aufarbeitungskommission eher optimistisch zurück oder mit Sorge?

Sabine Andresen: Ich glaube viel wird davon abhängen, wie die Koalitionäre Aufarbeitung gewichten. Im Koalitionsvertrag wird Aufarbeitung an zwei Stellen deutlich erwähnt. Die erste verstehe ich so, dass die Laufzeit der Kommission über 2023 hinaus verlängert wird. Die zweite Stelle stellt eine Begleitung und Förderung von Aufarbeitung durch die Politik in Aussicht und es soll geprüft werden, ob es hierzu einer eine gesetzlichen Grundlage bedarf. Da bin ich sehr gespannt, das ist für mich auch ein Maßstab, ob wir es geschafft haben zu zeigen, dass eine unabhängige Aufarbeitungskommission auf nationaler Ebene wichtig ist, auch im Sinne einer gesellschaftspolitischen Verantwortungsübernahme. Und ich werde mich weiter natürlich in den Diskurs einmischen wollen, wenn sich mir die Gelegenheit bietet.

Jetzt zum Zukunftsausblick, ist Dekanin sein besser als Vorsitzende der Aufarbeitungskommission?

Sabine Andresen (lacht): Das eine ist mit dem anderen überhaupt nicht zu vergleichen! Zumal ich ja jetzt in die gesamtuniversitären Strukturen wieder mehr eingebunden bin. Ich würde sagen, die Universitäten stehen auch vor wirklich großen Herausforderungen, wenn ich mir die Situation in der Pandemie anschaue, wie qualifizieren wir Studierende für die großen Herausforderungen gerade in meinem Arbeitsbereich Erziehungswissenschaft? Welchen Standort hat die Universität in unserer Gesellschaft? Welchen Beitrag leistet Wissenschaft für die Lösung gesellschaftlicher Probleme? Ich finde das auch ein wichtiges Amt, das aber mit der Vorsitzendenrolle nur bedingt zu vergleichen ist.

Sie haben so viele Interviews absolviert als Vorsitzende der Kommission, gibt es eine Frage bei der Sie sich immer gewundert haben, wieso die Medien sie nie stellen?

Sabine Andresen: Ich finde, der mediale Diskurs bedient immer noch sehr stark einseitige Bilder von Betroffenen, und so ist auch die Fragerichtung in der Regel gewesen. Es ist selten die Frage, können Sie mal die Unterschiedlichkeit betroffener Menschen beschreiben? Können Sie uns eine Idee geben, und daran anschließend auch die Frage, was machen Medien eigentlich falsch bei der Berichterstattung über sexuellen Kindesmissbrauch und der Darstellung betroffener Menschen? Das wäre sicher eine gute Frage gewesen, im Sinne einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle, aber diese Frage ist mir nie gestellt worden.

 

Das Interview führte Sonja Gerth


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