Sexueller Kindesmissbrauch und Schule: die achten Werkstattgespräche


14/15.09.2020 Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sprach mit Expertinnen und Experten in virtuellen Werkstattgesprächen zum Thema „Sexueller Kindesmissbrauch und Schule: Notwendiges Wissen für Aufarbeitung“.


Ziel der Werkstattgespräche war es zu erfahren, was für die Aufarbeitung im Bereich Schule wichtig ist. Dazu wurden verschiedene Sichtweisen auf Prävention, Intervention und Aufarbeitung an Schulen einbezogen. Die Kommission steht auch mit Betroffenen im Austausch, die über sexuelle Gewalt in der Schule berichten.

Sexueller Kindesmissbrauch findet in allen Bereichen statt, in denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten, so auch im Kontext Schule. Durch die geltende Schulpflicht halten sich Mädchen und Jungen viele Stunden am Tag in der Schule auf. Dabei haben sie kaum Einfluss darauf, welche Menschen ihren Alltag prägen. Zahlreiche vertrauliche Anhörungen der Kommission und schriftliche Berichte von heute erwachsenen Betroffenen machen deutlich, wie Missbrauch im Kontext Schule möglich werden kann.

Austausch mit Schulleitungen

Frauke Kessler-Betz, Rektorin der Gottlieb-Rühle-Schule in Mössingen, berichtete über ihren Schulalltag und die Präventionsmaßnahmen ihrer Schule im Rahmen des baden-württembergischen Projekts „Schutz macht Schule“. Als Modellschule hat sie über mehrere Jahre ein Konzept zum Schutz vor sexueller Gewalt ausgearbeitet. Das Kollegium wurde zum Thema geschult und der Lehrplan darum ergänzt. Dem Thema wurde Priorität eingeräumt. Auch die Eltern haben positiv reagiert und das Vorhaben unterstützt.

„Was mich erstaunt hat, ist, (…) dass es eher von kommunaler Seite Bedenken gab, dass wir doch bitte keine Schule sind, die jetzt hier Verdächtigungen ausspricht (…)“, berichtete Frauke Kessler-Betz.

Innerhalb des Kollegiums ist das Interesse noch immer sehr groß und auch neue Kolleginnen und Kollegen werden eingebunden. Leider scheitere es an anderen Schulen häufig an der Finanzierung: Wenn sich eine Schule auf den Weg macht und wirklich ein Schutzkonzept umsetzen möchte, müsse sie Unterstützung erhalten. Schulsozialarbeit könne das alleine nicht leisten. Es habe sehr viel Zeit gebraucht, dem Thema den Raum zu geben und die Prävention als wichtiges Element miteinzubeziehen.

Hubert Hering StD i. K. leitet seit September 2012 das Benediktinergymnasium in Ettal. Im Internat der Benediktinerabtei wurden über Jahrzehnte Schüler misshandelt und missbraucht. 2010 kam die Aufarbeitung auf Druck von Betroffenen in Gang. Mittlerweile gibt es sowohl am Internat als auch am Gymnasium ein Präventionskonzept, das in Zusammenarbeit mit dem Kollegium, den Eltern, Schülern und externen Beratern entstanden ist.

„Ettal ist einen guten Weg gegangen, aber die Arbeit mit dem Präventionskonzept bleibt eine dauerhafte Aufgabe. Wir konnten verloren gegangenes Vertrauen wiedergewinnen“, so Hubert Hering.

Wenn Schulen aufarbeiten wollen, dann müssen sie extern begleitet werden und Betroffene auf Augenhöhe einbinden. Die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt und die Treffen mit den Betroffenen haben dazu geführt, dass sich auch heute zuständige Fachkräfte ihrer Verantwortung bewusst sind. Mönche und Kollegen stellen sich heute dem Thema und sprechen auch mit den Schülern darüber. Ein Mahnmal auf dem Schulgelände erinnert zudem an die Gewalttaten der Vergangenheit.

Forschung zum Wissen von Lehrerinnen und Lehrern über sexuelle Gewalt

Prof. Dr. Sandra Glammeier ist Professorin für Heil- und Inklusionspädagogik in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Niederrhein. Sie stellte das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekt „Sexualisierte Übergriffe und Schule – Prävention und Intervention“ vor. Die damit verbundene Studie wurde 2014 an der Universität Paderborn durchgeführt. Es wurden Lehrerinnen und Lehrer der verschiedenen Schultypen im Kreis Paderborn sowie Lehramtsstudierende dazu befragt, was sie über sexuelle Gewalt wissen und wie sie auf Hinweise auf Übergriffe reagieren. Lehrkräfte fühlen sich laut der Studie kaum bis nicht kompetent in dem Themenfeld; gleichzeitig ist ihr Fortbildungsinteresse im Durchschnitt eher gering. Die Studie lässt auch ein deutliches Misstrauen gegenüber Schülerinnen und Schülern erkennen, ob sie wahrheitsgemäß über Missbrauchsfälle berichteten. Die Befürchtung von negativen Konsequenzen bei falscher Verdächtigung von Kolleginnen und Kollegen aber auch von Eltern der Kinder sei überproportional groß. Daher müsse das Thema sexueller Kindesmissbrauch ein fester Bestandteil des Lehramtsstudiums werden.

„Bei Lehrerinnen und Lehrern muss noch stärker eine Haltung etabliert werden, dass Kinder, die sexuelle Übergriffe schildern, nicht Probleme machen wollen, sondern dass diese Kinder vielmehr Probleme haben.“

Austausch mit der Schülervertretung

Miguel Góngora war bis Juni 2020 Landesschülersprecher in Berlin. Das erste Mal wurde er durch die Vorfälle an der Staatlichen Ballettschule Berlin mit sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Er hat zahlreiche Gespräche mit Betroffenen der Ballettschule geführt und in ihrem Namen bei einer Pressekonferenz gesprochen. Miguel Góngora ist dabei, ein Netzwerk für Betroffene aufzubauen, damit sie von ihren Erfahrungen berichten können. Neben sexueller Gewalt macht er auch auf Themen wie Bodyshaming und Mobbing aufmerksam, die vor allem an Eliteschulen problematisch sind.

„Man braucht unabhängige psychologische Beratungsstellen, vor allem an Eliteschulen. Eliteschulen sind besonders anfällig für sexuelle Gewalt“, so Miguel Góngoras Einschätzung.

Auch für Regelschulen hält es Miguel Góngora für unbedingt notwendig, dass sie verpflichtet sind, ein Kinderschutzkonzept einzuführen und es eine auf Kinderschutz spezialisierte Fachkraft gibt.

Nora Lohmiller ist Leiterin des Fachausschusses für Soziale Teilhabe der Landesschülervertretung Hessen. Sie berichtet, dass die Problematik sexueller Kindesmissbrauch an ihrer Schule gar nicht thematisiert wurde. Es fand keine Wissensvermittlung statt. Es gebe zwar sicherlich Schulen, die das Thema ernst nehmen und sich darum kümmern, aber das seien die wenigsten.

„Ich habe das Gefühl, dass die Thematik gar nicht erkannt wird oder erkannt werden will“, stell Nora Lohmiller fest.

Die Präventionsangebote, die es gibt, kommen zurzeit nicht an Schulen an. Nora Lohmiller könnte sich vorstellen, dass es sinnvoll sein kann, Betroffene sexuellen Missbrauchs einzuladen, damit sie mit Schülerinnen und Schülern über ihre Erfahrungen sprechen. Schulen sind ihrer Erfahrung nach keine Orte des Schutzes. Für Schülerinnen und Schüler, die zum Beispiel in der Familie Missbrauch erleben, sind die Hürden zu hoch, sich in der Schule Hilfe zu suchen. Das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Eltern ist dafür zu eng.

Die Rolle berufsständischer Interessenvertretungen

Prof. Dr. Edith Glaser, historische Bildungsforscherin, und Friederike Thole, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Historische Bildungsforschung und Grundschulpädagogik, berichteten über ihre Erkenntnisse zum Umgang der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs. Die beiden Wissenschaftlerinnen der Universität Kassel sind selbst aktive Mitglieder in der GEW.

„Ich sehe nicht, dass in der GEW genügend Problembewusstsein für das Thema herrscht“, so Friederike Thole.

Es sollte geklärt werden, welche Rolle die GEW und die gesamte Arbeitsgemeinschaft deutscher Lehrerverbände (AGDL) gespielt haben, wenn sie in der Vergangenheit einen Rechtsschutz für beschuldigte Lehrer ermöglichten. Außerdem sollte untersucht werden, wie sich die 68er-Diskussion um das Schutzalter in Bezug auf sexuelle Handlungen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen in Positionierungen der GEW niedergeschlagen hat. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit sollte mit einer eindeutigen Haltung für das Wohl des Kindes einhergehen.

„Die berufsständischen Interessenvertretungen sollten mit ihrer pädagogischen Haltung konfrontiert werden. Sie sollten sich für eine kindgerechte Ausbildung einsetzen und das Wohl des Kindes stärker ins Zentrum rücken“, betonte Prof. Dr. Edith Glaser.