Fallstudie zu sexualisierter Gewalt in der Schule veröffentlicht
03.12.2025 - Auch Schulen sind Orte, an denen Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt erfahren. Die Aufarbeitungskommission hat in einer Fallstudie 133 Berichte und Anhörungen von Betroffenen und Zeitzeug*innen zum Kontext Schule ausgewertet. Die meisten von ihnen berichteten über Lehrkräfte als Tatpersonen.
In vielen dieser Fälle wird deutlich, dass die Schüler*innen weder durch Lehrkräfte oder anderes schulisches Personal geschützt wurden. Die Studie zeigt auf, wie die Aufarbeitung, Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt an Schulen verbessert werden kann.
Die Schule ist ein zentraler Ort für Kinder und Jugendliche. Sie prägt ihren Bildungsweg, ihre persönliche Entwicklung und kann zudem ein wichtiger Rückzugs- und Schutzraum sein. Die Pflicht zum Schulbesuch ist gesetzlich verankert. Daraus entsteht eine besondere Schutzverantwortung für alle Schüler*innen. Schätzungsweise sind 1-2 Kinder pro Schulklasse von sexualisierter Gewalt betroffen – oft mit schwerwiegenden biografischen und beruflichen Folgen. In der Schule könnten sie Personen vorfinden, denen sie sich anvertrauen und Unterstützung erhalten.
Schule kann aber auch zum Tatort werden, wenn Kindern und Jugendlichen sexualisierte Gewalt durch Lehrkräfte, anderes schulisches Personal oder Mitschüler*innen angetan wurde. Deshalb hat die Aufarbeitungskommission 2021 Menschen mit einer Kampagne aufgerufen, in einer vertraulichen Anhörung oder einem schriftlichen Bericht zu schildern, wie sie sexualisierte Gewalt in der Schule erlebt haben.
Wir wünschen uns, dass diese Fallstudie dazu anregt, sich vor Ort mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche auseinanderzusetzen, die eigene Schulgeschichte aufzuarbeiten und Betroffenen zuzuhören. Die individuelle, institutionelle und gesellschaftliche Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch ist notwendig, um das Leid der Betroffenen und das Unrecht anzuerkennen.
Prof. Dr. Julia Gebrande
Wenn die Gesellschaft die Strukturen verstehe, die Missbrauch begünstigen, so Julia Gebrande weiter, dann könne sie das System Schule weiterentwickeln und Kinder und Jugendliche zukünftig besser schützen.
133 Berichte und Anhörungen von Betroffenen und Zeitzeug*innen wurden im Auftrag der Aufarbeitungskommission aus einer bildungshistorischen Perspektive ausgewertet. Knapp 80 Prozent der Betroffenen waren weiblich. Die überwiegende Mehrheit der Tatpersonen war männlich, sowohl bei Übergriffen durch Gleichaltrige als auch durch Lehrkräfte. In knapp der Hälfte der Fälle erstreckte sich die sexualisierte Gewalt über einen Zeitraum von einem Jahr.
Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass in vielen Fällen von sexualisierter Gewalt keine Intervention durch Lehrkräfte oder anderes schulisches Personal stattgefunden hat. Oft gab es Mitwissende, die Kollegialität vor den Schutz der Kinder gestellt haben, Übergriffe ignoriert oder sogar vertuscht haben, um den Ruf der Schule zu schützen. Betroffene reagierten darauf häufig mit eigenen Strategien, um der Gewalt zu entkommen, und schwänzten beispielsweise die Schule oder wiederholten eine Klasse.
Prof. Dr. Edith Glaser, Autorin der Studie und ehemalige Leiterin des Fachgebiets Historische Bildungsforschung an der Universität Kassel, fordert deshalb Qualifizierung für Lehrkräfte, Schulleitungen und Personal in Schulaufsichtsbehörden:
Alle Akteure im Bereich Schule müssen anhand klarer Kriterien transparent intervenieren und die Vorfälle aufarbeiten, sobald sexuelle Übergriffe in der Schule bekannt werden – auch wenn sie schon länger zurückliegen.
Prof. Dr. Edith Glaser
Eine weitere Erkenntnis der Studie ist die Bedeutung einer unabhängigen Beschwerdestelle. Aufarbeitung kann sowohl einzelne Schulen als auch die übergeordneten Strukturen betreffen. Daher braucht es in jedem Bundesland Strukturen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen, Ansprechpersonen und Expertise für die Aufarbeitung an Schulen.