Aufarbeitungskommission fordert auf der didacta mehr Offenheit von Schulen für Aufarbeitung


Stuttgart, 09.03.2023 - Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat auf der Bildungsmesse didacta Schulen aufgefordert, mehr Offenheit gegenüber Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu zeigen. Sexualisierte Gewalt werde an Schulen häufig nicht thematisiert. Das führe dazu, dass auch Fälle in der Vergangenheit nicht aufgearbeitet würden, so Kommissionsmitglied Prof. Dr. Julia Gebrande.


Die Aufarbeitungskommission veranstaltete auf der Messe in Stuttgart ein Podiumsgespräch im Rahmen des Forums Bildungsperspektiven. Prof. Dr. Julia Gebrande diskutierte mit Laura, einer Betroffenen, und Monika Becker von der Böblinger Beratungstelle thamar sowie Vorstand der LKSF Baden-Württemberg e.V. 

„Die Kommission beobachtet, dass sexualisierte Gewalt in der Schule häufig nicht thematisiert wird. Diese Kultur der Sprachlosigkeit trägt dazu bei, dass auch vergangene Fälle nicht aufgearbeitet werden“, stellt Kommissionsmitglied Prof. Dr. Julia Gebrande fest. Mehr als 180 Menschen haben sich bisher bei der Kommission gemeldet, die als Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt in der Schule erfahren haben. Viele haben berichtet, dass die Signale, die sie ausgesendet haben, nicht ernst genommen wurden oder dass Versuche, über den sexuellen Missbrauch zu reden, fehlgeschlagen sind. Einige haben viele Jahre später ihre Schulen kontaktiert. Dass ihre Erfahrungen erneut heruntergespielt wurden oder Schulleitungen Verantwortung weggeschoben haben, hält Julia Gebrande für bedenklich.

Nur wenn eine Schule eine offene Haltung gegenüber Betroffenen zeigt, sich ihrer Geschichte stellt und Fälle aufarbeitet, kann sie heute und in der Zukunft für eine Kultur des Hinschauens sorgen, damit Missbrauch aufgedeckt wird oder gar nicht erst geschieht.

Julia Gebrande

Aufarbeitung sexualisierter Gewalt sei ein notwendiger Schritt, um wirksame Präventions- und Interventionskonzepte entwickeln zu können. Es brauche den Dreiklang: Prävention – Intervention - Aufarbeitung, so die Professorin für Soziale Arbeit.

Laura sprach auf dem Podium über ihre individuellen Erfahrungen in ihrer Schulzeit und mit der Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Es habe lange gedauert, bis sie die Erlebnisse mit ihrem Lehrer überhaupt als Übergriff und damit als Unrecht erkennen konnte. Hilfe habe sie damals nicht erfahren – im Gegenteil, sie habe sich alleine gelassen gefühlt und sei dadurch dem Täter regelrecht in die Arme getrieben worden.

Es gab eine lange Zeit, in der ich das Geheimnis gehütet habe. Das ist belastend. Nach der Anhörung bei der Kommission habe ich mich sehr erleichtert gefühlt, ich konnte die Geschichte für mich dann besser einordnen.

Laura, Betroffene

Im Rückblick bedauerte Laura den mangelhaften Kinderschutz und die fehlende Aufmerksamkeit für ihre Not, was auch an fehlenden Unterstützungsangeboten in der Region gelegen habe, in der sie aufwuchs. Dass eine ausreichende Versorgungssituation auch heute oft noch nicht gegeben ist, bestätigt Monika Becker. Fachberatung könne eine Schule nicht nur bei der Prävention sexualisierter Gewalt unterstützen, sondern auch bei der Intervention und Aufarbeitung begleiten.

Es gibt keine Schule, an der sexuelle Gewalt nicht vorkommt, an der es keine sexuellen Übergriffe gibt. Gleichzeitig ist mir kein einziger Fall von Aufarbeitung an Schulen in Baden-Württemberg bekannt.

Monika Becker, Beratungsstelle thamar

An einigen Schulen, wie auch in Baden-Württemberg, gebe es bereits Kooperationen mit Fachberatungsstellen, erläuterte Monika Becker. Deren Kapazitäten reichten jedoch bei weitem nicht aus, um den Bedarf an Beratung zu decken. Deutschlandweit brauche es mehr Unterstützung seitens der Politik, um gerade im ländlichen Raum die Versorgungssituation für Betroffene zu verbessern, aber auch für Institutionen, die sich für Prävention und Aufarbeitung einsetzen wollten.


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