Aufarbeitungskommission auf der didacta
Köln, 14. 03.2026 – Auf der Bildungsmesse didacta hat die Aufarbeitungskommission des Bundes die Ergebnisse ihrer Fallstudie „Sexualisierte Gewalt und Schule“ vorgestellt. Im Mittelpunkt der Diskussion standen Täterstrategien, die mangelnde Sensibilisierung im Schulsystem sowie die strukturellen Defizite bei der Aufarbeitung. Die Kommissionsvorsitzende Prof. Dr. Julia Gebrande, die Autorin der Studie Prof. Dr. Edith Glaser und die Betroffene Kira machten deutlich, dass sexualisierte Gewalt an Schulen oft durch gezielte Manipulation von Lehrkräften und institutionelle Versäumnisse begünstigt wird.

Kira, die als Schülerin von ihrem Lehrer missbraucht wurde, berichtete, wie der Täter ihre vulnerable Situation ausnutzte. Er bat zunächst als Vertrauenslehrer seine Unterstützung an und schrieb ihr Nachrichten, die mit der Zeit immer persönlicher und sexueller wurden.
„Ich konnte es damals nicht als sexuellen Übergriff einordnen. Der Lehrer verwischte die Grenzen unserer Beziehung nach und nach.“
Kira, Betroffene
Ihre Erfahrung ist kein Einzelfall. Die Fallstudie der Kommission zeigt, dass Täter und Täterinnen häufig „Grooming“-Strategien anwenden: Sie bauen über Monate Vertrauen auf, nutzen persönliche Krisen der Schüler*innen aus, um ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Zudem werden sie mehr und mehr isoliert und eingeschüchtert, um Schweigen zu erzwingen. 133 Berichte von Betroffenen wurden in der Studie ausgewertet und zeigen, dass sich die Übergriffe oft über Jahre hinziehen, weil sich die Opfer schämen oder keine Unterstützung finden.
Eine angehende Lehrerin im Publikum wies darauf hin, dass pseudo-romantische Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen in Filmen und Serien oft verharmlost würden. Julia Gebrande betonte, dass solche Darstellungen gefährlich seien und zu einer Bagatellisierung beitragen. Die Kommission fordert eine gesellschaftliche Debatte, die diese Machtdynamiken klar benennt und Betroffene schützt.
„Diese vermeintlich romantischen Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen sind nie auf Augenhöhe. Es handelt sich immer um Machtmissbrauch.“
Julia Gebrande, Kommissionsvorsitzende
Als Kiras Umfeld von dem Missbrauch erfuhr, folgten Gespräche mit der Schulleitung und schließlich ein Disziplinarverfahren – doch statt Hilfe erlebte Kira eine Retraumatisierung. „Der Lehrer hatte einen Anwalt, ich hatte keine Unterstützung. Ich musste vor fremden Menschen im Detail über unsere sexuellen Nachrichten und intimen Themen sprechen“, berichtete sie. Der Täter wurde lediglich an eine andere Schule versetzt. Edith Glaser kritisierte, dass die Schulaufsichtsbehörden wie eine „Black Box“ agierten:
„Wie Fälle bewertet werden, bleibt intransparent. Der Schutz des guten Rufes der Schule steht meist im Vordergrund, der der Betroffenen wurde dagegen meist vernachlässigt.“
Edith Glaser, Autorin der Fallstudie
Kira, die kürzlich ihr erstes Aufarbeitungsgespräch mit der zuständigen Schulbehörde führte, forderte mehr Verantwortung von Entscheidungsträger*innen: „Veränderung muss von oben kommen. Betroffene müssen endlich angehört und ernst genommen werden.“ Julia Gebrande unterstrich, dass sexualisierte Gewalt an Schulen ein Querschnittsthema sei, das in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften verankert werden müsse. Zudem brauche es unabhängige Anlaufstellen auf Länderebene, um Betroffene und Aufarbeitende zu unterstützen.