Aufarbeitung in queeren Bewegungen
24.10.2025 – Am 23. und 24. Oktober hat im Schwulen Museum Berlin eine Konferenz zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in queeren Bewegungen stattgefunden. Die Tagung „(Mit) Widerstände(n) umgehen: Ein Update zur queeren Aufarbeitung“ war eine Fortschreibung zur Ausstellung und einer ersten Konferenz zum Thema in den Jahren 2023 und 2024. Die Aufarbeitungskommission hat das Projekt mitgefördert.

Anlass für die Konferenz war die Feststellung, dass bislang nur wenige queere Initiativen die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit angegangen sind. Dabei waren bis in die 1990er Jahre „pädo-aktivistische“ Gruppen akzeptierte politische Bündnispartner der Schwulen- und teilweise auch der Lesbenbewegung und es wurde gemeinsam für eine Entkriminalisierung von allen Formen des sexuellen Begehrens und für eine sexuelle Selbstbestimmung für alle gekämpft. Dass es dabei zu einer problematischen Entgrenzung und zu einer fehlenden Verantwortungsübernahme der Erwachsenen für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch kam, gerät erst allmählich in den Blick.
Obwohl in queeren Communities die Bereitschaft wächst, diesen verstörenden Aspekt unserer Geschichte aufzuarbeiten, fehlt es noch an einer umfassenden und tiefgreifenden Auseinandersetzung
Schwules Museum Berlin
Die Erfahrungen im Kontext der Ausstellung 2023/24 zeigten, dass viele Initiativen zur Aufarbeitung oft auf erhebliche Widerstände stießen und die Aufarbeitung in den eigenen Reihen häufig von der Durchsetzungsfähigkeit einzelner Akteur*innen abhängt. Die kritische Auseinandersetzung mit Pädosexualität trifft oft bis heute auf Abwehr und findet in der queeren Öffentlichkeit bisher noch zu wenig Resonanz. Ein Grund dafür ist die Angst vor queer-feindlichen Ressentiments. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart haben queer-feindliche Gruppen Homo- und Transsexualität mit Pädosexualität gleichgesetzt, um mit dem Argument des Kinderschutzes Ressentiments zu schüren., Diese Angst darf jedoch einer Aufarbeitung tatsächlich stattgefundenen Missbrauchs und eines legitimierenden Diskurses in den 1970er und 1980er Jahren nicht im Weg stehen. Nach Ansicht der Organisator*innen der Konferenz mangelt es an kollektiven Debatten über die Bedeutung der Ergebnisse erster Aufarbeitungsstudien für das queere Selbstverständnis und mögliche Konsequenzen.
Angela Marquardt vom Betroffenenrat bei der Bundesbeauftragten gegen sexuellen Kindesmissbrauch (UBSKM) betonte in ihrem Eröffnungsstatement die Bedeutung weiterer Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in queeren Institutionen. Sie wies auf die Notwendigkeit hin, dass Betroffenenbeteiligung von der Community organisiert werden müsse, wobei es für Betroffene keinesfalls selbstverständlich sei, dass sie ihre Expertise aus Erfahrung für Aufarbeitungsprojekte zur Verfügung zu stellten.
Im Eröffnungspanel wurde unter Beteiligung des Spinnboden Lesbenarchivs, des Schwulen Museums und der Hannchen Mehrzweck Stiftung über den Stand der Aufarbeitung in verschiedenen Einrichtungen der queeren Community diskutiert. Mehrere herausgehobene Institutionen der queeren Community, die einen eigenen Aufarbeitungsbedarf hätten, hatten ihre Teilnahme im Vorfeld abgesagt. Deutlich wurde, dass im Verlauf der Aufarbeitung häufig die Auswirkungen auf die Community und ihre einzelnen Institutionen in den Fokus rücken und dabei die Sicht von Betroffenen verloren geht. Für die Aufarbeitung brauche es bisher immer äußeren Druck. Zentral sei die Entwicklung einer Haltung in der Community, die eine klare Position zu den Grenzen von Einvernehmlichkeit und sexuellem Missbrauch vertrete – gerade wenn es um den Umgang mit Fällen in einem Graubereich geht, die sich jenseits einer strafrechtlich klaren Zuordnung abspielen.
In ihrer Keynote zu Beginn des zweiten Tages zeichnete Prof. Dr. Meike Baader von der Universität Hildesheim das Zusammenspiel zwischen progressiver Wissenschaft und emanzipatorischem Aktivismus ab den 1970er Jahren nach. Dieses sei zentral für die Durchsetzung „pädo-aktivistischer“ Forderungen in links-alternativen Milieus gewesen, etwa indem der Mythos der Einvernehmlichkeit und Gewaltlosigkeit geschaffen wurde. Solange die Erwachsenen Einvernehmlichkeit mit dem Kind herstellten und vorgeblich liebevoll und zärtlich vorgingen, sei Missbrauch unschädlich, so die Meinung dieser damaligen Wissenschaftsrichtung. Die Befürworter und Beschützer pädophiler Positionen, wie Helmut Kentler, Gerold Becker oder Herbert E. Colla-Müller hatten Lehrstühle an Universitäten, gaben Zeitschriften heraus und waren angesehene Wissenschaftler und mit ihren Positionen aktiv in wissenschaftlichen Fachgesellschaften und in der Öffentlichkeit. Sie standen also im Zentrum des erziehungswissenschaftlichen Diskurses und missbrauchten zugleich mehr oder weniger verdeckt Kinder und Jugendliche. Baader verwies auch auf die Funktion der bisher wenig erforschten Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS) als zentrale Plattform für die Vernetzung von Wissenschaft und Aktivismus.
In weiteren Panels ging es um die Einordnung der Bündnisse mit "pädo-aktivistischen" Strömungen in die queere Geschichtsschreibung und um Einblicke in aktuelle Aufarbeitungsprojekte unter anderem in der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HUK) e.V., im Forum Queeres Archiv München und in der Hannchen Mehrzweck Stiftung. Ein Zeitzeugengespräch mit überwiegend männlichen Protagonisten der schwulen Szene der 1970er und 1980er Jahre machte nochmals deutlich, wie normalisiert der Umgang mit Pädosexuellen zur damaligen Zeit war und wie wenig Abgrenzung und Widerstand es damals in der schwulen Szene gab. Um ihre Positionierung entspann sich ein kritischer Schlagabtausch mit dem Publikum.
Die Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, Julia Gebrande, wies zum Abschluss der Tagung darauf hin, wie wichtig die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen insbesondere in emanzipatorischen Bewegungen ist. Es brauche einen Landeplatz für die Botschaften von Betroffenen, wenn Vertrauensverhältnisse für die Befriedigung eigener sexueller Bedürfnisse von Erwachsenen ausgenutzt wurden oder werden.
Kinder und Jugendliche waren in der damaligen Zeit keine "Objekte der Befreigung", sondern Objekte der Begierde -- heute geht es um die Anerkennung dieses Unrechts.
Julia Gebrande
Die Verantwortung darf nicht länger weggeschoben werden, sondern muss in einen ehrlichen Aufarbeitungsprozess münden, der Betroffene mit einbezieht, ihre Vernetzung untereinander organisiert und neben einer Gedenk- und Erinnerungskultur auch Konsequenzen für Präventions- und Schutzkonzepte zieht. Nur so kann aus der Vergangenheit für das Heute und Morgen gelernt werden, dass die Forderung nach einer selbstbestimmten Sexualität genauso wichtig ist wie der Schutz von Kindern und Jugendlichen.
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