Sexueller Kindesmissbrauch im Sport


13.10.2020 Betroffene und weitere Expertinnen und Experten sprechen beim 4. Öffentlichen Hearing der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs


Sexuelle Gewalt geschieht in allen Lebensbereichen von Kindern und Jugendlichen – auch im Sport. Doch sexueller Kindesmissbrauch im Breiten- und Leistungssport ist weitgehend tabuisiert. Die Aufarbeitung zurückliegender Fälle soll Antworten geben auf Fragen wie: Welche Strukturen im Sport begünstigen Missbrauch? Wie war der Umgang mit betroffenen Kindern und Jugendlichen damals und wie ist er mit heute erwachsenen Betroffenen? Warum kostet es ehemalige Sportlerinnen und Sportler große Überwindung, über sexualisierte Gewalt zu sprechen? Wie geht es Betroffenen heute?

Diese Fragen werden heute beim 4. Öffentlichen Hearing „Sexueller Kindesmissbrauch im Sport“ der Kommission gemeinsam mit Betroffenen und weiteren Expertinnen und Experten aus Sport, Politik und Wissenschaft diskutiert.

Prof. Dr. Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission: „Fast 100 Menschen haben sich bei uns gemeldet, die selbst betroffen sind oder als Angehörige, Freunde oder Mitarbeitende in Vereinen von sexuellem Kindesmissbrauch im Sport berichtet haben. Jede einzelne dieser Geschichten ist wichtig. Wissen und Erfahrungen von Betroffenen sind für die Aufarbeitung im Sport zentral. Die Kommission erwartet, dass Verantwortliche im Sport das Recht von heute erwachsenen Betroffenen auf Aufarbeitung anerkennen und umsetzen.“

Das Hearing will darum insbesondere auf die notwendige Anerkennung und Unterstützung für heute erwachsene Betroffene im Sport aufmerksam machen. Damit verbindet die Kommission folgende Ziele:

  • Enttabuisierung des Thema
  • Einrichtung unabhängiger Ansprechstellen
  • Anerkennung der Folgen von sexualisierter Gewalt
  • Zugang zu Hilfen und Unterstützung
  • Unabhängige Aufarbeitung vergangener Fälle in Sportinstitutionen

Die Betroffenen, die sich bisher bei der Kommission gemeldet haben, waren in vielen Sportarten aktiv. Im Unterschied zu anderen Bereichen, aus denen erwachsene Betroffene der Kommission berichten, haben sich auf den Aufruf der Kommission zu Gewalterfahrungen im Sport deutlich mehr jüngere Erwachsene gemeldet. Viele von ihnen haben gegenüber der Kommission das erste Mal über den Missbrauch berichtet. Betroffene geben wichtige Informationen über Strukturen im Sport, die sexuelle Gewalt und deren Vertuschung ermöglicht haben.

„Anhand der Berichte von Betroffenen wird deutlich, dass Täter und Täterinnen die Gelegenheiten, die der Sport bietet, gezielt ausgenutzt haben. Kinder wurden isoliert, unter Druck gesetzt oder ihnen wurde mit einem Ausschluss vom Training gedroht. Und Betroffene berichten, wie Täter von Vereinen zum Teil aktiv geschützt wurden und die Taten für sie folgenlos blieben“, so Sabine Andresen.

Bis heute sehen gerade Betroffene sexueller Gewalt im Sport besonders viele Hindernisse für Sprechen, Aufklärung und Aufarbeitung. Ein Teil der Betroffenen hat sich nach Jahren an den Verein gewandt und Aufklärung eingefordert. Sie berichten der Kommission von Abwehr und Zurückweisung. Im Sport zeigt sich somit ein bekanntes Muster: Aufarbeitung ist unbequem und wird nur selten offensiv von Verantwortlichen in Vereinen auf den Weg gebracht. Dadurch fühlen sich heute erwachsene Betroffene erneut im Stich gelassen.

Das 4. Öffentliche Hearing „Sexueller Kindesmissbrauch im Sport“ findet als virtuelle Veranstaltung mit wenigen Teilnehmenden vor Ort statt. Es wird am 13.10.2020 als Livestream übertragen auf
www.aufarbeitungskommission.de/oeffentliches-hearing-kindesmissbrauch-sport/

Betroffene sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die der Kommission über sexuellen Kindesmissbrauch im Sport berichten möchten, können sich telefonisch (0800 4030040 – anonym und kostenfrei), per E-Mail oder Brief an die Kommission wenden. Informationen zur vertraulichen Anhörung und zum schriftlichen Bericht sowie alle Kontaktdaten unter www.aufarbeitungskommission.de


Pressekontakt

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