Bis heute fehlt es an der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im DDR-Sport


Schwerin, 27.04.2023 - Betroffene fordern mehr Hilfen und Unterstützung und erwarten eine klare Verantwortungsübernahme von Staat und organisiertem Sport


Sexueller Kindesmissbrauch war in der DDR weitaus mehr und länger tabuisiert als in der alten Bundesrepublik. Das galt insbesondere für den Bereich des Sports. Das staatlich organisierte Sportsystem war unantastbar und Entscheidungen der verantwortlichen Funktionäre erfolgten über die Köpfe von Kindern und Jugendlichen hinweg. Sportliche Erfolge dienten als Beweis für die Überlegenheit des politischen Systems. Bis heute fehlt es für Betroffene, die sexuellem Kindesmissbrauch im Sportsystem der DDR ausgesetzt waren, an einer klaren gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme und damit einhergehend an Anerkennung und Unterstützungsangeboten.

Dies hat ein Fachgespräch zu sexuellem Kindesmissbrauch in der DDR mit dem Fokus Sport bestätigt, das am 26. April 2023 von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Kooperation mit der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern zur Aufarbeitung der SED-Diktatur veranstaltet wurde. Im Rahmen der Veranstaltung diskutierten Betroffene sexualisierter Gewalt im DDR-Sport sowie weitere Expert*innen aus Sport, Politik, Wissenschaft und Praxis über die Erfahrungen mit Aufarbeitung von Kindesmissbrauch.

„Es fällt Betroffenen, die sexualisierte Gewalt oder andere Gewaltformen in der DDR im Sport erlebt haben, bis heute sehr schwer, darüber zu sprechen“, betont Dr. Christine Bergmann, Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie appelliert: „Die Betroffenen haben ein Recht darauf, dass aufgearbeitet wird, was an vielfachem Unrecht geschehen ist, auch wenn inzwischen Jahrzehnte vergangen sind. Und es muss dringend die Frage beantwortet werden, wer heute die Verantwortung dafür übernimmt, dass Kinder und Jugendliche sexualisierter Gewalt im Sportsystem der DDR ausgesetzt waren.“

Anne Drescher, die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sagte: „Das DDR-Leistungssportsystem begünstigte aufgrund seiner Macht- und Abhängigkeitsstrukturen, in denen Kinder und Jugendliche auf Höchstleistungen getrimmt wurden, auch sexuellen Missbrauch. Unsere Gesellschaft sollte erkennen, wie vergiftet die sportlichen Erfolge der DDR waren. Sie sollte dafür sorgen, dass betroffene ehemalige Sportlerinnen und Sportler gehört werden und notwendige Hilfen erhalten sowie, dass Athleten heute besser geschützt werden. Das ist Forderung und Auftrag aus unserer Beratung für die Betroffenen.“

Betroffene sexualisierter Gewalt im DDR-Sport haben beim Fachgespräch in Schwerin die Übernahme staatlicher Verantwortung und Unterstützung gefordert, zum Beispiel durch den Ausbau von spezialisierten Fachberatungsstellen, Therapie- und Selbsthilfemöglichkeiten. In den Behörden sollte das Personal zu DDR-Geschichte und sportspezifischen Bedingungen geschult werden und die Beantragung von Hilfeleistungen weniger bürokratisch erfolgen. Vom organisierten Sport erwarten Betroffene ein deutlich größeres Engagement bei der Aufarbeitung und Anerkennung der erlebten Gewalt sowie eine klare Verantwortungsübernahme dafür, dass der Sport sie in ihrer Kindheit und Jugend in der DDR nicht geschützt hat.

Die besonderen Bedingungen innerhalb des DDR-Sportsystems ermöglichten sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen, aber auch andere Formen von Gewalt, und machten es für die Betroffenen fast unmöglich, Hilfe zu erhalten. Dazu gehörten die sehr frühe Talentsichtung und das jahrelange Leben in Internaten, getrennt von den Eltern. Zudem gab es in den Sportschulen und Internaten keine Vertrauenspersonen. Die Kinder waren den Gewalthandlungen von Trainer*innen, Mediziner*innen und sonstigen Sportfunktionär*innen oftmals schutzlos ausgeliefert. Insgesamt wurde festgestellt, dass es über sexualisierte Gewalt im DDR-Sport an Wissen fehlt – ein weißer Fleck in Sportwissenschaft und Sportgeschichte. Hier bedarf es dringend mehr Forschung.

Die Berichte betroffener Menschen sind die Basis für Aufarbeitung. Die Kommission möchte Betroffene aus der Region Mecklenburg-Vorpommern, aber auch aus allen anderen Bundesländern ermutigen, sich bei ihr zu melden und ihre Geschichte zu erzählen – im Rahmen einer vertraulichen Anhörung oder in einem schriftlichen Bericht. Vertrauliche Anhörungen werden in den Regionen von den Anhörungsbeauftragten der Kommission durchgeführt und von einer psychosozialen Fachperson begleitet.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht seit 2016 Ausmaß, Art und Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Betroffene sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die der Kommission über sexuellen Kindesmissbrauch berichten möchten, können sich telefonisch, per E-Mail oder Brief an die Kommission wenden. Informationen und Kontaktdaten unter www.aufarbeitungskommission.de.

Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur berät in der DDR sportgeschädigte Betroffene insbesondere bei der Anerkennung der gesundheitlichen Folgen des DDR-Leistungssportsystems und von daran geknüpften Leistungen. Informationen und Kontaktmöglichkeiten unter www.landesbeauftragter.de.

 


Pressekontakt

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Kirsti Kriegel
Telefon: +49 (0)30 18555-1571
Fax: +49 (0)30 18555-4 1571
E-Mail

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