Aufarbeitungskommission veröffentlicht Broschüre: „Der Blick von Menschen mit Heimerfahrung auf das Älterwerden“


24. September 2026. Die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs veröffentlicht die Broschüre „Der Blick von Menschen mit Heimerfahrung auf das Älterwerden: Sorgen, Wünsche und Forderungen“. Die Broschüre richtet sich an Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt in der Heimerziehung erlebt haben, und sich aktuell mit ihrer Versorgung und Unterbringung im Alter beschäftigen. Gleichzeitig werden Fachkräfte in der Altenpflege mit praktischen Hinweisen für ihre Arbeit angesprochen. So soll eine bessere Versorgung von Betroffenen im Alter gefördert werden.


Sexualisierte Gewalt in der Heimerziehung

Seit 2016 haben sich 149 Betroffene an die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gewandt und darüber berichtet, wie sie in Heimen, Jugendwerkhöfen oder anderen Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Auswirkungen dieser Misshandlungen sind tiefgreifend und begleiten die Betroffenen oft ein Leben lang.

Betroffene berichten von psychischen Folgen wie beispielsweise Depressionen oder Schwierigkeiten in der Regulation von Emotionen. Zu den möglichen körperlichen Langzeitfolgen des Missbrauchs zählen Herzkreislauferkrankungen und eine geringere Lebenserwartung. Aber auch Schwierigkeiten mit Nähe und Intimität sowie ein erhöhtes Risiko für Armut können auf die Gewalterfahrungen und die geringe Schulbildung in den Heimen zurückgeführt werden.

Forschungsprojekt „Versorgungsmöglichkeiten ehemaliger Heimkinder im Alter“

Viele der betroffenen Frauen und Männer, die als Kinder und Jugendliche in Heimen sexualisierte Gewalt erleben mussten, sind inzwischen hochaltrig. Für sie ist die Vorstellung, erneut in einer Heimeinrichtung leben zu müssen, eine enorme Belastung. Die Aufarbeitungskommission des Bundes hat deshalb ein Forschungsprojekt zu Versorgungsmöglichkeiten ehemaliger Heimkinder im Alter gefördert.

Forscherinnen der Alice-Salomon-Hochschule haben Betroffene zu ihren Sorgen, Wünschen und Forderungen bezüglich ihrer Versorgung im Alter befragt. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung haben sie in einer Broschüre gebündelt, die sich in erster Linie an Betroffene richtet. Aber auch Angehörige und Fachkräfte können ihr Wissen für den Umgang mit Betroffenen im Alter vertiefen.

Dazu Silke Gahleitner, Mitglied der Aufarbeitungskommission des Bundes:

Für viele Betroffene ist es schwer, sich in Behandlung zu begeben, Hilfe zu suchen und gegenüber Institutionen ihre Interessen und Rechte zu vertreten. Sie brauchen eine fachlich gute Beratung zu den Möglichkeiten eines menschenwürdigen Alterns. Außerdem müssen Bedingungen und Angebote geschaffen werden, um den Ängsten der Betroffenen zu begegnen, zum Beispiel in der Altenpflege.

Die Sorgen der Betroffenen

Die Betroffenen haben in den Interviews Sorge vor dem Verlust ihrer Privatsphäre, vor Zwang, vor Teilen der körperlichen Pflege, vor erneuter Gewalt und vor Stigmatisierung geäußert. Aufgrund der sexuellen Gewalterfahrungen ist es für viele unvorstellbar, von einer Person körperlich gepflegt zu werden, zu der sie keine persönliche Beziehung haben. Manche Interviewpartner*innen berichten, bereits heute Arztbesuche und körperliche Untersuchungen zu meiden.

Auch Existenzängste und die Sorge vor mangelnder Unterstützung wurden thematisiert. Betroffene haben Angst, dass sie sich zusätzliche Ausgaben für stationäre und ambulante Pflege nicht leisten können. Viele befürchten, zu wenig Unterstützung im System von Pflege- und Transferleistungen zu erhalten. Die Broschüre enthält deshalb neben einem inhaltlichen Teil einen umfangreichen Anhang, der einen Überblick über bestehende Projekte, Materialien und Anlaufstellen für Betroffene gibt.

Forderungen für die Versorgung im Alter

Die Betroffenen wünschen sich einen kompetenten Umgang mit Traumata und Krisen in der Beratung und Pflege. Wenn Pflegehandlungen angekündigt und erläutert werden, schafft das Transparenz für die Gepflegten und kann Ängste mindern. Darüber hinaus werden in der Broschüre Forderungen zu Schutzkonzepten in Einrichtungen und für Pflegedienste sowie zu Flexibilität in Tagesabläufen aufgestellt.

Damit das trotz Personal- und Zeitmangel gelingen kann, brauchen Fachkräfte neben dem notwendigen Wissen eine ausreichende Finanzierung der Rahmenbedingungen. Dazu Silke Gahleitner, Mitglied der Aufarbeitungskommission des Bundes:

Entscheidend ist eine politisch verantwortliche Gesamtplanung, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Die Forderungen nach einer traumasensiblen Pflege, Autonomie und Privatsphäre sind für ehemalige Heimkinder mit sexualisierten Gewalterfahrungen unverzichtbar und lebensnotwendig.


Pressekontakt

Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Marie Kersten
Telefon: +49 (0)30 18555-1569
E-Mail an Marie Kersten

Zurück zur Übersicht

Webanalyse / Datenerfassung

Die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs möchte ihre Website fortlaufend verbessern. Dazu wird um Ihre Einwilligung in die statistische Erfassung von Nutzungsinformationen gebeten. Die Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden.

Mehr Informationen