Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR: Öffentliches Hearing in Leipzig

Leipzig, 11.10.2017. Sie haben als Kind in der DDR sexuelle Gewalt erlebt – in Heimen, Institutionen oder in der Familie. Heute sprechen sie öffentlich darüber, manche das erste Mal. Es ist das zweite öffentliche Hearing der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Unter den etwa 150 Gästen befanden sich Betroffene, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Expertinnen und Experten aus der Praxis.

DDR: Kinder und Jugendliche von sexuellem Missbrauch schutzlos ausgeliefert

Die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen eröffnete das Hearing in der Villa Ida in Leipzig. Ein großzügiger, lichter Veranstaltungsort, der ausstrahlt, was das öffentlichen Hearing ausmachen soll: Offenheit, Transparenz und ausreichend Raum für Geschichten. Das Gegenteil also von dem, was Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch in der DDR erlebten: „Ein System, das die Augen verschloss vor sexuellem Missbrauch. Ein Staat, in dem Kinder und Jugendliche schutzlos ausgeliefert waren, wo sexueller Missbrauch ein Tabuthema war. Viel stärker als im Westen“, so Andresen.
Andresen bedankte sich für den Vertrauensvorschuss, den Betroffene der Kommission schenken. Denn viele Betroffene haben nach dem Missbrauch kein Vertrauen mehr in staatliche und öffentliche Institutionen. Auch gab es oft niemanden, dem sie sich anvertrauen konnten. Weil sie sich schämten. Oder weil ihnen nicht geglaubt wurde.
Andresen: „Wir wollen Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind. Dass Sprechen hilft und Missbrauch verhindern kann. Wir brauchen und wollen eine bessere Versorgung von Betroffenen und eine konsequente Verantwortungsübernahme aller Verantwortlichen“, appellierte Andresen.

Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission

Wir sind auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht am Ziel

Bundesfamilienministerin Dr. Katarina Barley hielt das Grußwort und dankte den Betroffenen für ihren Mut und ihre Offenheit, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Das, worüber wir sprechen, hätte nie passieren dürfen. Es ist gut und wichtig, dass die Aufarbeitungskommission so viele Betroffene anhört. Die Erfahrungen der Betroffenen sind wichtig, um besser zu verstehen, wie Mädchen und Jungen besser vor sexueller Gewalt geschützt werden können.“ so die Ministerin. Nur weil es die DDR nicht mehr gibt, dürfen wir keinen Schlussstrich ziehen. Wir müssen Betroffenen helfen, da wo es möglich ist. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir sind noch lange nicht am Ziel“.

Bundesfamilienministerin Katarina Barley

Alle, die ihr Leid zur Sprache zu bringen, sind ein Vorbild für uns

„Erinnern tut gut. Die, die das tun, verdienen Respekt und Dankbarkeit.“ Die ehemalige Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen Marianne Birthler sprach über das Erinnern. Sie wandte sich damit an einen Saal voller Menschen, die die Vergangenheit hergeführt hat – entweder als Betroffene oder als Menschen, die es für wichtig halten, dass erfahrenes Unrecht ausgesprochen und begangenes Unrecht benannt wird.
Es sei für alle schwer, die Geschichten anzuhören, sich nicht abzuwenden, gegen Widerstände und Ungläubigkeit anzukämpfen. Aber eins wüssten wir: Austausch und Zuhören seien wertvoll!

Den gesamten Vortrag von Marianne Birthler finden Sie hier.

Ehemalige Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen Marianne Birthler

Über den Missbrauch sprechen

Im ersten Panel sprach Kommissionsmitglied Christine Bergmann mit Renate Viehrig-Seger, die mit zirka 11 Jahren zum ersten Mal von ihrem Vater missbraucht wurde. Als sie mehrfach von zu Hause weglief, stand sie unter der Obhut des Jugendamtes. Niemand glaubte ihr. Sie war verzweifelt, schlief irgendwo. Sie wurde aufgegriffen und kam in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Dort wurde sie wieder missbraucht – vom Direktor des Spezialheimes. Renate Viehrig-Seger vertraute sich einem Erzieher an und – wurde bestraft mit einer längeren Zeit im Arrest. Als sie rauskam, habe sie nur noch funktioniert. Sie war gebrochen: „Du willst aus dem Elternhaus weg wegen dem sexuellen Missbrauch, gehst in die Obhut des Jugendamts und dir passiert genau das Gleiche.“

Heute sitzt sie mutig auf dem Podium, erzählt ihre Geschichte und beantwortet Fragen – auch aus dem Publikum. Sie habe kein Problem mit ihrer Geschichte. Aber es sei schwer, damit durchs Leben zu gehen. Hass gegenüber diesen Menschen würde sie keinen mehr in sich tragen. Nur eine wahnsinnige Wut.
Renate Viehrig-Seger: „Sexueller Kindesmissbrauch ist ein Verbrechen an Minderjährigen. Schaut hin und gebt uns Betroffenen eine Stimme.“ Christine Bergmann entgegnete: „Nicht nur die Politik muss handeln, sondern auch die Gesellschaft.“

Renate Viehrig-Segers Geschichte gesprochen von Ursula Werner

Dr. Christine Bergmann im Gespräch mit Renate Viehrig-Seger

Macht und Ohnmacht in der DDR

Im Gespräch mit Kommissionsmitglied Christine Bergmann stellte der Historiker Dr. Christian Sachse die zentralen Ergebnisse der Expertise „Historische, rechtliche und psychologische Hintergründe des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in der DDR“ vor. Dazu werteten Dr. Christian Sachse und die Mitautoren Stefanie Knorr und Benjamin Baumgart stichprobenartig Akten aus dem Bundesarchiv und dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen aus.
Dr. Christian Sachse machte im Gespräch deutlich, dass sexueller Kindesmissbrauch, genau wie in der Bundesrepublik, in allen Schichten vorgekommen ist und sich nicht auf eine Personengruppe beschränken lässt. Die Menschen, die von sexuellem Kindesmissbrauch in der DDR betroffen sind, haben durch die politischen Hintergründe und Machtverhältnisse eine Mehrfachbetroffenheit, die es ihnen noch schwerer macht, sich zu dem Erlebten zu äußern.
„Die Tatsache, dass Betroffene erst heute sprechen, hat einen einfachen Grund: Früher wollten sie auch schon sprechen, aber es hat ihnen keiner zugehört.“ Besonders gelte das für die Betroffenen der Heime und Spezialheime, in denen die körperliche und sexuelle Gewalt normal war. Darunter fällt auch die Gewalt unter den Jugendlichen. „Dieses Thema muss noch mehr beleuchtet werden“, mahnt Dr. Sachse. „Das Thema DDR gehört an die Universitäten, aber der Stand der Forschung ist katastrophal. Nur wenn sich nicht nur die Historiker sondern auch Soziologen, Psychologen, Juristen und Pädagogen mit der SED-Diktatur beschäftigen, kann das Unrecht in allen Dimensionen verstanden und so in seinen Folgen gemildert werden.“

Dr. Christine Bergmann im Gespräch mit Dr. Christian Sachse

Ausgeliefert mit System – Gerd Keil im Gespräch mit Barbara Kavemann

Im zweiten Podiumsgespräch sprach Kommissionsmitglied Barbara Kavemann mit Gerd Keil, der zwischen seinem 11. und 14. Lebensjahr von sexueller Gewalt in einer Kinderfreizeiteinrichtung der DDR, der Berliner Pioniereisenbahn in der Wuhlheide, betroffen war.
Gerd Keil berichtet davon, dass er die Erlebnisse jahrzehntelang verdrängt habe und sie ihn dann eingeholt haben. Erst mit Hilfe seiner Lebensgefährtin habe er es geschafft, sich zu stellen und eine Therapie zu beginnen. „Kinder brauchen Menschen, die ihnen zur Seite stehen und denen sie vertrauen können.“ Er selbst hat damals niemandem davon erzählt. Gerd Keil ist wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass nicht sie die Familie zerstören, wenn sie davon erzählen und auch keine Schuld an der sexuellen Gewalt haben.
Mittlerweile hat Gerd Keil zwei Bücher veröffentlicht und ist berentet. „Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft diese Taten an Kindern nicht länger tabuisiert. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob die Taten in der Familie oder anderswo waren. Es kann nicht sein, dass ein Kind mit diesen Erlebnissen allein gelassen wird.“

Gerd Keils Geschichte, gesprochen von Achim Wolff

Ausgeliefert mit System – René Münch im Gespräch mit Brigitte Tilmann

Im dritten Podiumsgespräch erzählte René Münch seine Geschichte. Bis er 18 Jahre alt war, lebte er bis auf eine kurze Unterbrechung in Heimen. Seine Mutter war eine politische Gefangene, weil sie versucht hatte, aus der DDR zu flüchten. René Münch kam im Haftkrankenhaus Klein-Meusdorf bei Leipzig zur Welt. Kurz nach seiner Geburt wurde die Mutter verlegt, aber René Münch blieb zwei Monate dort. Aus seiner Heim-Akte weiß er heute, dass an ihm Medikamententests durchgeführt worden sind.
In den Heimen war Gewalt an der Tagesordnung. Die sexuellen Übergriffe begannen, als er ein kleiner Junge war: „Ein Erzieher hat uns kleine Jungs immer gern auf den Schoß genommen und so gestreichelt. Ich war erstmal froh: Okay, mich streichelt mal einer. Und heute sage ich: Der hat das natürlich ausgenutzt. Ein anderer Erzieher war brutaler, hat sich regelmäßig auf mich raufgeschmissen.“ Doch nicht nur die Erwachsenen übten massive Gewalt aus, auch ältere Jugendliche vergingen sich an den Jüngeren.

Mit 18 Jahren konnte René Münch dann ein Leben außerhalb von Heimen führen und begann auch erst im Jahr 2012 mit der eigenen Aufarbeitung. „Mit dem Thema muss man aufpassen. Ich habe das lange verdrängt und es ist auch nicht einfach. Aber die persönliche Aufarbeitung ist wichtig. Die Aufarbeitungskommission gibt Anerkennung und einen Rahmen, aber man muss das auch selber machen. Emotional ist das natürlich sehr aufwühlend.“ René Münch hat für sich das Malen und Schreiben entdeckt, um die Erlebnisse zu verarbeiten.

Rene Münchs Geschichte, gesprochen von Achim Wolff

v.l.n.r.: Brigitte Tilmann, Rene Münch, Gerd Keil und Barbara Kavemann

Wie geht es Betroffenen heute?

Beim Abschlusspanel, moderiert von der Kommissionsvorsitzenden Sabine Andresen, wurde darüber gesprochen, wie es Betroffenen heute gehe. Neben Corinna Thalheim von der Betroffeneninitiative „Missbrauch in DDR-Heimen e. V.“ und Gabriele Beyler, Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, berichteten auch die Beauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Sachsen-Anhalt Birgit Neumann-Becker und Stefanie Knorr von der Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur über ihre Erfahrungen.

Corinna Thalheim hatte immer gedacht, sie sei alleine. Es habe keine Hilfe gegeben, keine Beratungsstellen. Niemand habe eine Anlaufstelle gehabt. Sie hält zwei Koffer hoch, die die Mehrfachbetroffenheit vieler Betroffener symbolisieren sollen. Der eine Koffer spiegelt den Aufenthalt im Heim wider, der andere den Missbrauch. Ein Koffer wird irgendwann abgelegt – wenn die Zeit im Heim vorbei ist. Der andere Koffer bleibt. Dann öffnen sich im Jahr 2010 andere Betroffene in Kirchen, Heimen, Internaten. Erzählen über ihren Missbrauch. Corinna Thalheim beginnt sich mit ihrer eigenen Missbrauchsgeschichte auseinanderzusetzen. Irgendwann kann auch der zweite Koffer abgestellt werden. Die Last fällt ab. Und dann hält Thalheim einen kleinen, zusammengeknüllten Stoffbeutel hoch – „das, was vom Missbrauch bleibt.“
Die seit 2011 existierende Selbsthilfegruppe „Verbogene Seelen“ hilft Betroffenen, auch ihre Last kleiner werden zu lassen. Ihre Missbrauchsgeschichte zu teilen und zu verarbeiten. Thalheim: „Nach sieben Jahren muss ich sagen: die Arbeit und der Aufwand lohnen sich. Den Betroffenen wird geholfen. Und ich bin stolz auf das, was die Betroffenen mit unserer Hilfe alleine geschafft haben.“

Die Expertise von Betroffenen ist für die Aufarbeitung wichtig!

Gabriele Beyler sagte, es sei wichtig, dass sich jeder Betroffene mit seiner Geschichte auseinandersetze. Die Gedenkstätte helfe dabei. Denn sie sei eine moralische Wiedergutmachung. Der erste Ort, an dem das Unrecht benannt und öffentlich gemacht wurde. Und die erste Anlaufstelle, an dem man sich für die Geschichten der Betroffenen interessiere. Wo sie ernst genommen würden und wo sie gehört werden. Denn darum gehe es.
Beyler: „Betroffene haben sich lange nicht gemeldet – aus Angst, Schuld- und Schamgefühlen. Sie haben geschwiegen. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Unverständnis vorhanden war. In der Gesellschaft spielte das Thema Heimerziehung in der DDR keine Rolle.“ Ein Heimkind sei in der DDR immer als Kleinkrimineller bezeichnet worden. „Sie sind die jüngsten Opfer des SED-Regimes“, so Beyler. „Es ist ihrem Mut zu verdanken, dass ein bislang unbekanntes Kapitel der DDR-Heimerziehung öffentlich wurde. Wir wissen, wie lange der Weg sein kann, um Verständnis und Anerkennung in der Öffentlichkeit zu bekommen. Das Hearing ist ein wichtiges Zeichen für Betroffene. Die Expertise von Betroffenen ist für die Aufarbeitung wichtig!“

Betroffene brauchen eine gute Perspektive

Birgit Neumann-Becker warf ein, dass es wichtig sei, auch die andere Seite zu beleuchten und appellierte, an Grenzen zu denken: „Menschen müssen nicht über alles sprechen. Auch, um nicht zu retraumatisieren.“ Der Schutz der Helfenden solle mitgedacht werden.  Neumann-Becker: „Vieles bleibt nicht Sagbar. Das Recht zu schweigen ist wichtig! Die Betroffenen entscheiden selbst, ob und wann die Zeit zum Reden stimmt.“
Des Weiteren sehe sie einen hohen Bedarf an psychosozialer Beratung: „Die Dinge werden über viele Jahre verpackt. Und irgendwann wird das Paket aufgemacht und dann geht es auch nicht mehr zu.“  Betroffene bräuchten eine gute Perspektive für ihre Entwicklung im Arbeitsleben. Denn ihre ganze Kraft benötigten sie, um ihre schwere Last zu tragen. Altersarmut müsse verhindert werden. Durch spezielle Renten. Oder eine Stiftung.

„Strafsystem DDR“ eine Spirale der Gewalt

Die Wissenschaftlerin Stefanie Knorr sprach abschließend vom „Strafsystem DDR“, das die Spirale von Gewalt erst ermöglicht habe. Es habe keine Hilfe angeboten, sondern mit Strafen und Umerziehung reagiert. Sie machte darauf aufmerksam, dass sich der Missbrauch vieler Betroffener biografisch fortgesetzt habe, die Folgen prekär seien.
Sie betonte die Wichtigkeit der Forschung, um zu verstehen, was damals passiert sei und wie es den Betroffenen heute geht. „Zeitzeugen dürfen nicht nur für ein kurzfristiges mediales Interesse benutzt werden und dann auf ihrer Geschichte sitzen bleiben.“ Knorrs Appell: „Wichtig ist ein offenes gesellschaftliches zur Sprache bringen des Themas, um die Tabuisierungskette zu durchbrechen. Hilfen müssen darauf hinauslaufen, dass die Betroffenen in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.“

v.l.n.r.: Stefanie Knorr, Birgit Neumann-Becker, Sabine Andresen, Gabriele Beyler und Corinna Thalheim

Zwischen den Panels hatten die Zuhörerinnen und Zuhörer im Publikum Gelegenheit, Fragen zu stellen und Input zu geben – zum Teil sehr bewegend.
Bei der Verabschiedung dankte Christine Bergmann allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, insbesondere den Betroffenen für ihr Vertrauen, das sie der Kommission entgegenbringen würden. „Das bedeutet uns sehr viel. Wir hoffen, dass wir noch viele Betroffene ermutigen können, sich bei uns zu melden und ihre Geschichten zu erzählen.“

Zum Abschluss spielte Sebastian Krumbiegel einige seiner Songs auf dem Piano.
Parallel zum Hearing konnten die Gäste in der Villa Ida eine Wanderausstellung besichtigen, die das System und den Alltag der DDR-Heimerziehung zeigte.

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Alle Fotos © Kathrin Harms