Diskussion über Arbeit der Jugendämter beim Nationalen Rat


Berlin, 27.06.2024 - Die Aufarbeitungskommission hat im Rahmen der Sommertagung des Nationalen Rats ein Fachforum zum Thema „Fallstudien als Formate der Aufarbeitung“ am Beispiel einer aktuellen Studie zur Arbeit der Jugendämter veranstaltet. Der Nationale Rat besteht seit 2019 und ist ein Forum für den Dialog zwischen Verantwortungsträger*innen aus Politik und Gesellschaft. Mehr als 300 Expert*innen aus Politik und Zivilgesellschaft, Fachpraxis und dem Betroffenenrat nahmen insgesamt an der Sommertagung teil. Den Vorsitz haben die Bundesfamilienministerin und die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM).


In sechs Fachforen wurde unter anderem über Hilfen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, Wissenschaftskommunikation oder kindgerechte Justiz diskutiert. Am Fachforum der Kommission nahmen rund dreißig Expert*innen teil. Ihnen wurde zunächst von Mitautorin Mareike Paulus vom Deutschen Jugendinstitut die Fallstudie Jugendämter vorgestellt, die die Kommission im Dezember 2023 veröffentlicht hat. Wie bei diesem Format üblich, stehen vertrauliche Anhörungen und Berichte von Betroffenen im Zentrum. Mareike Paulus stellte heraus, dass Mitarbeitende der Jugendämter in den Kontaktaufbau mit den Betroffenen investieren und das ganze Umfeld - insbesondere Geschwister - mit in den Blick nehmen müssen. Mitarbeitende von Jugendämtern sind dazu aufgefordert, Vertrauen aufzubauen und eine tragfähige Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen zu etablieren, ihren Anliegen Bedeutung zu schenken und sie bei den Entscheidungen mit einzubeziehen.

Wenn Kinder und Jugendliche sich an das Jugendamt wenden, haben sie einen guten Grund dafür. Diesen Moment sollte ein Jugendamt ernst nehmen und nutzen und Vertrauen schaffen.

Mareike Paulus

Darüber hinaus obliegt es den Mitarbeitenden, Anzeichen für Gewalt zu identifizieren, gerade wenn betroffene Kinder oder Jugendliche sich nicht oder nur schwer mitteilen können, weil sie zu klein oder behindert sind. Um hier angemessen Schutz bieten zu können, bedarf es einer besonderen Qualifizierung und Sensibilisierung der Fachkräfte.

Im Anschluss an Mareike Paulus berichtete eine Betroffene von ihren Erfahrungen mit dem Jugendamt. Sie forderte Mitarbeitende von Jugendämtern auf, stärker zu hinterfragen, was hinter Andeutungen eines Kindes und unklaren Symptomen stecke.

Es wurde nicht gefragt, woher kommen die Symptome. Es muss hingeschaut werden, was sind das für Strukturen und Dynamiken in der Familie.

Tabea

Die Betroffene berichtete von dem vergeblichen Versuch, als betroffene Jugendliche Schutz vor sexualisierter Gewalt in der Familie zu erhalten, obwohl dem Jugendamt klare Hinweise vorlagen. Sie betonte, dass Kinder und Jugendliche in der Gewaltsituation nicht alleine gelassen werden dürften. Diese bräuchten verlässliche Ansprechpersonen, die mit ihnen ins Gespräch gingen, sie stärkten und im Loyalitätskonflikt mit der Familie unterstützten. Die Beteiligung der betroffenen Kinder und Jugendlichen beim Hilfeverfahren ist aus ihrer Sicht von entscheidender Bedeutung für gelingenden Schutz. Ihr wurde damals eine elternunabhängige Beratung verwehrt.

Meine Mutter musste beim Jugendamt einfach nur anrufen und sagen, ´Ich brauche keine Hilfe mehr´. Es hat vom Jugendamt keiner bei mir nachgefragt: ´Ist das so? Wie geht es Dir damit?´.

Tabea

In der darauffolgenden Diskussion wurde thematisiert, dass gerade im familiären Kontext, in dem sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen am häufigsten stattfindet, neben elternunabhängiger Beratung auch Geschwisterkinder in den Blick genommen werden müssen. Auch sind nicht-missbrauchende Familienmitglieder möglichst einzubinden und zu unterstützen. Auch die Familienmitglieder von betroffenen Kindern und Jugendlichen benötigen Unterstützungs- und Hilfsangebote. Zudem braucht es niedrigschwellige, auf die realen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen abgestimmte Informations- und Beratungsangebote, gerade auch für solche mit Behinderung. Letztere haben ein deutlich höheres Risiko, von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein.

In der Diskussion wurden die Erfahrungen von Dr. Susanne Heynen und Iris Hölling aufgegriffen. Susanne Heynen, Leiterin des Jugendamts Stuttgarts, berichtete von positiven Ansätzen in den Jugendämtern. Fachkräfte seien aus ihrer Sicht zunehmend für das Thema sensibilisiert. Entscheidende Verbesserungen seien aber durch strukturelle Rahmenbedingungen, d.h. den zunehmenden Fachkräftemangel und hohe Fluktuation im Personalbereich begrenzt.

Nach den Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit wird Soziale Arbeit zu den zukünftigen Mangelberufen gehören. Das hat Auswirkungen auf die die gesamte Jugendhilfe und die Kontinuität professioneller Beziehungen zu jungen Menschen und ihren Familien. Damit setzen sich Jugendämter intensiv auseinander, um Kindern und Jugendlichen verlässlich Schutz, Hilfe und Unterstützung bieten zu können und ihre Rechtsansprüche einzulösen.

Susanne Heynen

Für Iris Hölling, Leiterin des Jugendamtes Berlin Treptow-Köpenick, ist die Gewährung von Akteneinsicht für erwachsene Betroffene für ihre persönliche Aufarbeitung wichtig. Für das Jugendamt bedeute dies jedoch eine zusätzliche Aufgabe, die in der Vorbereitung und Durchführung aufwändig ist. Häufig lägen aber keine Akten mehr vor, da diese vernichtet werden mussten. Längere Aufbewahrungsfristen seien erforderlich, damit Betroffene Akteneinsicht nehmen und ihr Recht auf Aufarbeitung wahrnehmen könnten.

Es ist unglaublich wichtig, dass wir längere Aufbewahrungsfristen bekommen. Denn es kommen auch Menschen zu uns, die sind 60 oder 70 Jahre alt und wollen ihre Akte sehen.

Iris Hölling

Abschließend wurde festgehalten, dass die Erfahrungen und Geschichten Betroffener deutlich machen, dass es noch einen großen Handlungsbedarf zum Thema sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen gibt. Schutz für Betroffene ist nicht in allen Fällen gewährleistet. Es braucht – wie Mareike Paulus betonte - ein Netzwerk, eine gemeinsame Verantwortung der involvierten Stellen, um etwas zu bewirken.

©Phototek/Hofmann


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