Information und Recherche im Aufarbeitungsprozess: Zweite Runde der Werkstattgespräche

Berlin, 8./9. November 2016. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat Betroffene, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Vertreterinnen und Vertreter von Aufarbeitungsprojekten sowie Archiv- und Informationswissenschaften zu zweitägigen Werkstattgesprächen rund um das Thema Information und Recherche nach Berlin eingeladen.

Wie kann Aufarbeitung durch Recherche und Archivarbeit stattfinden und unterstützt werden? Welche Erfahrungen wurden bisher bei der Archivrecherche gemacht? Welche Bedarfe haben Betroffene zum Thema Akteneinsicht? Und welche Dokumente befinden sich überhaupt in Staats-, Organisations-, Bewegungs- oder Privatarchiven? Diese und weitere Fragen wurden von den Kommissionsmitgliedern aufgeworfen, um sie mit den Gästen aus unterschiedlichen Kontexten und Perspektiven zu diskutieren.

Gespräch mit Betroffenen und Zeitzeuginnen/Zeitzeugen

Zum Auftakt des ersten Tages stellt Kommissionsmitglied Jens Brachmann die Eckdaten seiner Archivrecherchen im Zusammenhang mit den Studien über Landerziehungsheime und die Odenwaldschule vor. Anschließend berichtet Felix Mletzko, selbst Odenwaldschüler, was es bedeutet, wenn die eigene Akte in öffentlich zugänglichen Archiven aufbewahrt wird und wirft die Frage auf welche Rückgabeansprüche an welches Archivgut moralisch gerechtfertigt wäre.

Ingo Fock vom Verein gegen-missbrauch e. V. berichtet über Berlin-Kreuzberg der 1970er Jahre bis 1990er Jahre als einem Knotenpunkt für Pädokriminalität und weist darauf hin, dass damalige Strukturen über die bereits bekannte Verantwortung der damaligen Alternativen Liste hinausgingen und noch aufzuarbeiten seien.

Catharina Beuster, Mitglied des Betroffenenrats beim Missbrauchsbeauftragten, spricht als Zeitzeugin. Sie beschreibt die Atmosphäre im Kiez Berlin-Neukölln sowie der alternativen Kinderladenbewegung in den 1990er Jahren. Für die Aufarbeitung relevant seien die erlebten unklaren Grenzen zwischen erwachsener und kindlicher Sexualität, auch im Kontext von stattgefundener Sexualaufklärung und Prävention von sexualisiertem Missbrauch. Sie weist darauf hin, dass die Beteiligung von Kindern in der Erziehung zu einer vollkommenen Überforderung führen könne, wenn Erwachsene ihnen zu viel Verantwortung übertragen.

Aufarbeitungsprojekte über Berlin-Kreuzberg im Fokus

Der zweite Tag der Werkstattgespräche startet mit dem Aufarbeitungsprojekt zur Jugendbewegung durch Sven Reiß, Kulturwissenschaftler von der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Seit 2010 meldeten sich vermehrt Opfer von sexuellem Missbrauch in der bündischen Jugend. Auf Burg Ludwigstein wurde der Arbeitskreis „Schatten der Jugendbewegung“ gegründet. Gründungsmitglied Reiß arbeitet derzeit an seinem Promotionsprojekt „Päderastie in der deutschen Jugendbewegung“ und untersucht in diesem Zusammenhang auch die Pädo-Bewegung der 1980er und 1990er Jahre in Berlin und anderen Städten Westdeutschlands. Er spricht über die Herausforderungen der Recherche in Privat- und Bewegungsarchiven. Als Forscher wünscht er sich eine gute Vernetzung zum Thema Aufarbeitung von Missbrauch und die Möglichkeit einer unterstützenden Supervision.

Sabine Andresen

„Wir brauchen eine klare Haltung zur Vergangenheit. Egal, wo wir hingucken.“

Sabine AndresenVorsitzende der Kommission

Berliner Grüne: Pädophile Vergangenheit aufarbeiten

Thomas Birk, bis Oktober 2016 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, berichtet über den Aufarbeitungsprozess der Berliner Grünen. Der Berliner Landesverband Bündnis 90/DIE GRÜNEN veröffentlichte 2015 den Bericht der von ihm eingesetzten Aufarbeitungskommission „Pädophile Vergangenheit im Landesverband Berlin konsequent aufklären und aufarbeiten“. Die Grünen-Kommission recherchierte dazu in zahlreichen Archiven, vor allem Landes- Kommunal und Parteiarchive, aber auch in Privatarchiven. Die dort gefundenen zahlreichen Dokumente und Unterlagen über pädophile Strukturen eröffneten immer neue Aufarbeitungszusammenhänge.

Werkstattgespräch

Teilnehmende Expertinnen und Experten (v.l.n.r.): Sebastian Nagel, Frauke Homann, Thomas Birk
© UKASK

Birk: „Bei den jungen Mitgliedern ist die Bereitschaft sehr groß, die Vergangenheit der Partei aufzuarbeiten.“

Frauke Homann gehörte zum ersten Kinderschutzteam des Bezirksamts Kreuzberg und war Sozialarbeiterin an einer Kreuzberger Schule. Schnell wurde sie die zentrale Ansprechperson für das Thema sexueller Missbrauch. Durch ihren Bericht wurden das Ausmaß und die Strukturen der sogenannten Pädo-Szene in Kreuzberg und über den Bezirk hinaus deutlich. Die Verantwortlichkeiten seien äußerst vielschichtig. Hier bedarf es weiterer Aufarbeitung.

Homann: „In einer Grundschulklasse waren zwölf missbrauchte Kinder. Es war institutionelles Versagen. Eigentlich waren alle überfordert.“

Historiker Sebastian Nagel berichtet über seine Archivarbeit für die Grünen-Kommission. Die Archivrecherche ging Hand in Hand mit gleichzeitiger Zeitzeugenbefragung, für die er gemeinsam mit Historikerin Iris Hax einen Leitfaden entwickelte. In sehr kurzer Zeit mussten Rechercheergebnisse für den Bericht strukturiert und geordnet werden. Die Aufarbeitung könne aus Sicht des Historikers aber allein anhand der Aktenlage für mehrere Jahre und über weitere Bereiche als die unmittelbare Parteigeschichte angelegt werden. Auch im Nachgang kamen immer wieder Hinweise auf relevante Bestände in weiteren Archiven.

Nagel: „Die Recherche kann und muss man ausdehnen.“

Die Rolle von Archiven bei Recherche und Informationsbeschaffung im Aufarbeitungsprozess

Archive spielen für die Recherche und Informationsbeschaffung eine zentrale Rolle. Dies wurde unter anderem durch Petra Rauschenbach, leitende Archivdirektorin Abteilung DDR im Bundesarchiv, deutlich. Sie zeigt auf, welche Besonderheiten in Bezug auf Sperrfristen oder Persönlichkeitsschutz laut Bundesarchivgesetz zu beachten sind und wie Aufarbeitung vergangener Fälle von sexuellem Missbrauch gelingen kann. Auch in Bezug auf das Thema sexueller Missbrauch gebe es im Bestand der Abteilung DDR durchaus relevantes Archivgut, das für die Aufarbeitung herangezogen werden könne. Zum Thema selbst gab es bisher noch keine Anfragen an das Bundesarchiv.

Teilnehmende Expertinnen und Experten (v.l.n.r.): Prof. Dr. Ing. Peter Heisig, Petra Rauschenbach, Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß
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Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß ist Leiter des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt. Dort pflegte sein Team im letzten Jahr über 350 Meter Schriftgut aus der Odenwaldschule in die Archivdatenbank ein. Er berichtete über die Besonderheiten im Umgang mit diesem Archivgut. Der Bestand wurde nahezu vollständig übernommen, weitere Bestände zum Beispiel aus anderen Behörden und Privatbesitz wurden proaktiv angefragt. Auch hier erörterten die Teilnehmenden die Frage nach dem Umgang mit sensiblen Materialien in Archiven.

Kistenich-Zerfaß: Man darf nicht erwarten, dass einem die Stichworte entgegenspringen. […] Wer Forschung und Aufarbeitung haben will, braucht die Quellen“

Ein wichtiger Aspekt für die Kommission war die Frage nach geeigneten Lösungen mit technischer Unterstützung für das eigene Dokumentenmanagement. Prof. Dr.-Ing. Peter Heisig ist Professor für Informations- und Wissensmanagement der Fachhochschule Potsdam. Er weist Möglichkeiten zur Sicherung des Wissenstransfers auf und erläutert, unter welchen Bedingungen Aufarbeitungswissen gesammelt, erschlossen, aufbereitet und weitergegeben werden könnte.