Sexueller Kindesmissbrauch beim Sport: Die siebten Werkstattgespräche

Berlin, 15. Februar 2019. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs traf sich mit Expertinnen und Experten zu Werkstattgesprächen über das Thema Aufarbeitung von Kindesmissbrauch im Kontext Sport.

Anhörungen der Kommission und schriftliche Berichte von Betroffenen, Medienberichte über Strafprozesse gegen Täter im Kontext Sport oder erste Studien zeigen auf, dass Aufarbeitung von vergangenen Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs im Sport ein wichtiges Thema ist. Beim Werkstattgespräch sprachen Expertinnen und Experten unter anderem über Strukturen im Breiten- und Leistungssport, welche Spezifika im Sport Missbrauch begünstigen könnten und warum ehemalige Sportlerinnen und Sportler große Scheu haben von Missbrauch zu berichten.

Vorstellung der Studie VOICE

Gitta Axmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportsoziologie und Genderforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, stellte das EU-Aufarbeitungsprojekt VOICE vor. Gemeinsam mit 13 Partnern aus acht EU-Mitgliedsstaaten wurde die Studie im Jahr 2016 von der Europäischen Union in Auftrag gegeben. Diese hatte zum Ziel, Betroffenen von sexualisierter Gewalt beim Sport eine Stimme zu geben und die Aufarbeitung voranzutreiben. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wurde zunächst mit viel Skepsis begegnet und die Vorbereitung der Interviews bedurfte einer langen und intensiven Organisation. Darüber hinaus musste stark um Vertrauen geworben werden. Insgesamt konnten 98 Interviews mit Betroffenen realisiert werden, die von allen Arten und auch von einer kontinuierlichen Vermischung der Gewalt berichteten – von psychischer und physischer Gewalt über sexuelle Belästigung bis hin zu sexueller Gewalt.

„Sexualisierte Gewalt tritt überwiegend nicht isoliert auf, sie geht mit emotionaler und auch körperlicher Gewalt einher und an diesem Punkt müssen wir auch noch einmal genauer hinschauen.“

Gitta Axmann
©UKASK

Als Täter wurden neben Trainern zum Beispiel auch Funktionäre, Fahrer oder Zuschauer benannt. Betroffene bewerteten die Interviews rückblickend als positiv, auch wenn sie teilweise mit Flashbacks oder einer Re-Traumatisierung zu kämpfen hatten. Die Abschlussveranstaltung des Projekts fand am 4. und 5. Mai 2018 in Deutschland statt.

Studie zu DDR-Leistungssport

Dr. Jochen-Friedrich Buhrmann ist Chefarzt an der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Schwerin und mit der Auswertung einer breit angelegten Studie zum DDR-Leistungssport betraut. Durch sportliche Höchstleistungen sollte das Bild des Sozialismus im Ausland positiv dargestellt und das Renommee der DDR gefördert werden. Ziel der Studie ist eine Bestandsaufnahme der Folgeschäden von Doping. Dabei wurden auch Begleitfaktoren wie psychische und physische Gewalt, Sadismus und sexueller Missbrauch sichtbar.

„Nicht nur das Ausmaß der körperlichen Schäden ist eklatant, sondern auch die seelischen Folgen, weil die Rahmenbedingungen im DDR-Leistungssport sehr harsch waren – es ist nicht in allen Sportarten der Fall gewesen, aber wir wissen, dass besondere Sportarten sehr davon betroffen waren und über diese Umstände ist nur sehr wenig bekannt.“

Dr. Jochen-Friedrich Buhrmann
©UKASK

Austausch mit Präventionsbeauftragten der Landessportbünde

Die Präventionsbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch der Landessportbünde Thüringen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen berichteten von ihren Arbeitsfeldern und dem Stand der Aufarbeitung.

Steffen Sindulka vom Landessportbund Thüringen ist als Sozialpädagoge und Mediator seit 2015 Kinderschutzbeauftragter im Thüringer Sport. In seinen Aufgabenbereich fallen die Beratung von Vereinen zu Prävention und im Umgang mit konkreten Fällen. Dabei arbeitet er in akuten Verdachtsfällen eng mit dem Thüringer Kinderschutzdienst zusammen. .

„Im Sport arbeiten wir mit vielen Ehrenamtlichen und das hat immer ganz viel mit Vertrauen zu tun. Es ist ein Spagat, in dem wir uns bewegen. Die Vereine müssen eigene Schutzkonzepte entwickeln und transparent nach außen sein. Das ist der größte Abschreckungsfaktor.“

Angelika Ribler ist Psychologin und Referatsleiterin für Jugend- und Sportpolitik bei der Sportjugend Hessen und unter anderem zuständig für die Beratung von Verdachtsfällen oder konkreten Fällen von Kindeswohlgefährdung im Sport. Im Jahr 2018 gab es einen Anstieg von Fällen, in denen beraten wurde, darunter zum Beispiel zu Grenzverletzungen, sexuellem Missbrauch, Mobbing, psychischer oder physischer Gewalt, Suizidgefahr, Drogenmissbrauch oder Homophobie. Häufig handelt es sich dabei um komplexe Fälle, die teilweise in Kooperation mit externen Fachberatungsstellen bearbeitet wurden.

„Es ist wichtig, dass die Betroffenen wissen, an wen kann ich mich wenden. Wir haben ein Wissen über externe Beratungsstellen und es gibt auch eine interne Beratungsstelle bei der Sportjugend Hessen.“

Dorota Sahle ist Referentin im Landessportbund Nordrhein-Westfalen (LSB NRW) und zuständig für die Themenfelder Gleichstellung sowie Prävention von und Intervention bei sexualisierter Gewalt im Sport. In NRW sind rund 18.500 Sportvereine aktiv. Durch ein Beratungs- und Qualifizierungsformat können sich Vereine, Bünde und Fachverbände mit dem Thema „Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport“ professionell auseinandersetzen. Dafür wurden Handreichungen zur Umsetzung von Präventions- und Interventionskonzepten entwickelt. Auch für Eltern liegt eine Handreichung vor, die Unterstützung im Umgang mit dem Thema sexuelle Gewalt bietet. Ein konkretes Konzept zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport berücksichtigt auch die ehrenamtlichen Strukturen.

„Die Erfahrung zeigt immer wieder, dass Personen bei Vorfällen gerne zu allererst mit jemandem sprechen wollen, der auch selbst unmittelbar aus einem sportlichen Umfeld kommt. Insgesamt sind wir aufgrund der bisherigen Rückmeldungen davon überzeugt, auch künftig mit unseren bewährten Konzepten möglichst viele Menschen in den Sportvereinen, Bünden und Fachverbänden für dieses Themenfeld zu qualifizieren.“

Thekla Lorenz ist Teamleiterin für Jugendpolitische Grundsatzfragen, Jugendarbeit sowie Leiterin des auf 10 Jahre angelegten Projektes Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt im Sport: Prävention, Intervention, Handlungskompetenz (2011 – 2020) im LandesSportBund Niedersachsen e. V. (LSB ).  Ziel des Projektes ist es, wirkungsvolle Präventions- als auch Interventionsstrategien zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt in der Sportorganisation zu entwickeln. Dabei setzt der LSB unter anderem auf die Zusammenarbeit von Sportbünden und Sportjugenden mit qualifizierten Fachberatungsstellen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt in den jeweiligen Landkreisen. Diese sogenannten Tandems beraten Sportvereine vor Ort in der Installation von Schutzkonzepten. Die Fachkräfte der  Fachberatungsstellen sind somit als  künftige Ansprechpersonen für eine mögliche Fallberatung in den Sportvereinen bereits bekannt.

„Wir stehen in der großen Sportorganisation am Anfang der Aufarbeitung. […] Das liegt eher an Unsicherheit und Unkenntnis, nicht unbedingt an Desinteresse.“

Ziel der Präventionsbeauftragten ist es, alle Beteiligten für das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren und Handlungssicherheit im Verdachtsfall oder im Umgang mit konkreten Fällen sicherzustellen.

Da sich erwachsene Betroffene, die ihren Fall aufarbeiten wollen, bisher selten an die Anlaufstellen im Sport gewendet haben, will die Kommission Betroffene einladen, sich zu melden und in einer vertraulichen Anhörung oder in einem schriftlichen Bericht ihre Geschichte zu erzählen.