Aufarbeitungskommission zu Gast bei Bundespräsident Steinmeier

Berlin, 15. März 2018. Die Aufarbeitungskommission traf sich mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu einem Gespräch.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und ihre ständigen Gäste aus dem Betroffenenrat, Matthias Katsch und Hjördis E. Wirth, sowie Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und Dr. Manuela Stötzel, Leiterin des Arbeitsstabs des Unabhängigen Beauftragten trafen sich mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender zu einem Austausch über die Bedeutung von Aufarbeitung und dieser als gesamtgesellschaftlicher Aufgabe. Besonders hervorgehoben wurde die Rolle der vielen Betroffenen, die einen maßgeblichen Anteil an der Aufarbeitung haben. Ohne ihre Berichte und ihren Mut könnte keine Aufarbeitung gelingen.

Die Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, Sabine Andresen, stellte den Auftrag und die Arbeitsweise der Kommission vor. Im Zentrum der Arbeit stehen die vertraulichen Anhörungen von Betroffenen, Angehörigen und Zeitzeugen. Die Geschichten der Betroffenen sind die Basis für die Arbeit der Kommission. Um den Auftrag erfüllen zu können, braucht es allerdings mehr Zeit und mehr Ressourcen:

Von Beginn an war klar, dass Aufarbeitung einen langen Atem benötigt, wenn die Kommission den vielen Betroffenen und den zahlreichen Tatkontexten gerecht werden soll“, so  Sabine Andresen. „Wir haben das Gespräch mit Bundespräsident Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender als einen sehr offenen, interessierten und auch fachkundigen Austausch erlebt. Es wurden verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung besprochen. Bundespräsident Steinmeier möchte mit der Kommission dazu weiter in Kontakt bleiben.“

Bisher haben sich über 1.500 Betroffene bei der Kommission gemeldet. Etwa die Hälfte konnte angehört werden. Die Kommission konnte vertiefte Einblicke in die Tatkontexte Familie und DDR bekommen und arbeitet aktuell zu Kirchen sowie ritueller und organisierter Gewalt. Aber andere Zusammenhänge, wie z.B. Missbrauch im Sport, Missbrauch an Menschen mit Behinderung oder strukturelles Versagen in Behörden, konnten noch nicht näher beleuchtet werden. Dazu ist es von höchster Priorität, dass die Arbeit auch über den 31. März 2019 fortgeführt werden kann: Sabine Andresen:  „Ohne Aufarbeitung der Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit kann kein nachhaltiger Schutz von Kindern und Jugendlichen gelingen. Dafür brauchen wir auch die Unterstützung der Politik.“

Kommissionsmitglied Heiner Keupp informierte über die bisherigen Erkenntnisse und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Im Gespräch wurde sich zusätzlich darüber ausgetauscht, dass für Betroffene sexuellen Missbrauchs ein öffentliches Zeichen der Anerkennung durch die Gesellschaft eine große Bedeutung hätte: „Ein solches Zeichen hätte für Betroffene eine große Bedeutung. Denn es zeigt die Bereitschaft der Gesellschaft, Verantwortung dafür zu übernehmen, in der Vergangenheit bei sexuellem Kindesmissbrauch weggesehen, geschwiegen, nicht geglaubt und keine Hilfe geleistet zu haben“, betonte Heiner Keupp.

Matthias Katsch, Mitglied im Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, brachte die Perspektive der Betroffenen und deren Sicht auf die Relevanz einer Unabhängigen Aufarbeitung unter drei wesentlichen Aspekten ein: „Gerechtigkeit herstellen, Anerkennung übermitteln und Genugtuung ermöglichen: Dazu trägt die Arbeit dieser unabhängigen Kommission in Deutschland bei. Deshalb ist es so wichtig, dass sie fortgesetzt werden kann. Und deshalb danke ich dem Bundespräsident und seiner Gattin, dass sie sich die Zeit genommen haben, um uns, um mir zuzuhören.“

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, machte die Bedeutung des Termins mit dem Bundespräsidenten klar, äußerte aber auch gleichzeitig offene Fragen: „Acht Jahre nach dem Missbrauchsskandal konnten nun viele Aspekte von sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen gemeinsam mit dem Bundespräsidenten offiziell  besprochen werden. Warum gelingt uns kein besserer Schutz? Warum erreichen wir keinen Rückgang der unverändert hohen Fallzahlen? Warum stehen Schutz, Hilfe und Aufarbeitung nicht ganz oben auf der politischen Agenda?“

Die Kommission hat seit ihrer Berufung in 2016 neben vertraulichen Anhörungen bisher zwei öffentliche Hearings durchgeführt: zu sexuellem Kindesmissbrauch in der Familie und in der DDR. Am 27. Juni 2018 findet in Berlin das dritte öffentliche Hearing statt zum Kontext Kirche und ihrer Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Kommission hatte im Juni 2017 einen ersten Zwischenbericht veröffentlicht. Ein zweiter Bericht folgt im Frühjahr 2019.

Im Anschluss an das Gespräch wurde die Kommission eingeladen, am Bürgerfest des Bundespräsidenten am 8. September 2018 teilzunehmen.