Fachgespräch „Eckpunkte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Institutionen“

Berlin, den 09. Mai 2019. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat in einem Fachgespräch Eckpunkte für eine gelingende Aufarbeitung mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen diskutiert. Eine der Aufgaben der Kommission ist es, Eckpunkte zu erarbeiten, die für Institutionen eine Unterstützung bei der Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs darstellen können.

Sabine Andresen

„Wir möchten die Eckpunkte für eine gelingende Aufarbeitung unter Beteiligung von verschiedenen Akteuren entwickeln. Eine wichtige Expertise bringen betroffenen Menschen ein sowie Personen, die bereits Erfahrungen mit Aufarbeitungsprojekten sammeln konnten.“

Sabine AndresenVorsitzende der Kommission

Die eingeladenen Expertinnen und Experten

In vier Gesprächsrunden diskutierten die rund fünfzig Gäste aus Wissenschaft und Praxis mit den Expertinnnen und Experten auf dem Podium, die ihre Themenschwerpunkte auf dem Podium vortrugen:

Prof. Dr. Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim empfahl, sich in Aufarbeitungsprozessen nicht allein die Taten zu beleuchten, sondern insbesondere die Organisationsstruktur der Institution und die Infrastruktur der Täterkreise zu analysieren.

Kerstin Claus, Mitglied des Betroffenenrates beim UBSKM und Journalistin, machte deutlich, dass Betroffene mit Rechten ausgestattet werden müssen und die Beteiligung zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein muss.

Ursula Enders, Mitbegründerin und Leiterin von Zartbitter Köln e. V., verwies auf die unerlässliche fachliche psychosoziale Begleitung von Betroffenen und warnte gleichzeitig vor einer möglichen Re-Traumatisierung im Aufarbeitungsprozess.

Dr. Julia Encke, Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, berichtete in einem persönlich gehaltenen Beitrag über ihre Recherche zu sexuellem Missbrauch im Amsterdamer Kreis um Wolfgang Frommel und darüber, wie journalistische Arbeit einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten kann, aber auch Risiken birgt.

v.l.n.r.: Prof. Dr. Heiner Keupp, Mitglied der Kommission sowie Prof. Dr. Wolfgang Schröer
© Caroline Wimmer

Eckpunkte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Institutionen

Für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Institutionen gibt es bislang keine Standards und keine einheitlichen Kriterien. Schwierigkeiten verursachen unterschiedliche Ziele der Beteiligten im Aufarbeitungsprozess sowie die teils abweichende Herangehensweise an die Aufarbeitung. Institutionen, die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch aufarbeiten wollen, sind daher oft unsicher, wie sie die Aufarbeitung angehen und durchführen sollen. Betroffene berichten dazu, wie wichtig es sei, sich im Aufarbeitungsprozess auf transparente und klare Leitlinien der Institutionen verlassen zu können. An erster Stelle steht dabei die Frage: Was heißt Aufarbeitung?

v.l.n.r.: Ursula Enders im Gespräch mit Prof. Dr. Peer Briken, Mitglied der Kommission
© Caroline Wimmer

Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch soll Tatsachen, Ursachen und Folgen von vergangenem Unrecht untersuchen. Es geht um das Recht um Anerkennung des Leids und gleichzeitig um die Offenlegung der Gewalt, um Strukturen, die Missbrauch begünstigt haben, zu erkennen und zu verändern. Ein Aufarbeitungsprozess kann auch Möglichkeiten schaffen, Betroffene anzuerkennen und aus den Erkenntnissen Präventions- und Schutzkonzepte zu erarbeiten oder weiterzuentwickeln. Dabei ist Aufarbeitung auch Mahn- und Erinnerungskultur. Sie ist auf Zeugenschaft angewiesen, in deren Zentrum die Berichte von betroffenen Menschen stehen.

Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs
© Caroline Wimmer

v.l.n.r.: Dr. Christine Bergmann, Mitglied der Kommission sowie Dr. Julia Encke

Die Kommission plant, eine Handreichung mit Eckpunkten zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Ende des Jahres 2019 zu veröffentlichen.