Tagungsband „Archive und Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ erschienen

Berlin, 1. Juli 2020. Zehn Jahre nach den Enthüllungen der Missbrauchsskandale in Einrichtungen wie dem Berliner Canisius-Kolleg oder der Odenwaldschule ist ein Band erschienen, der Chancen, Grenzen und Herausforderungen der Archivarbeit in Aufarbeitungsprozessen aus der Perspektive von Betroffenen, Forschungsprojekten, archivischer Praxis sowie Archivwissenschaft in den Blick nimmt.

Der Band „Archive und Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ vereint Vorträge der gleichnamigen Tagung, die im März 2019 in Kooperation zwischen der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt durchgeführt wurde, mit weiteren Beiträgen, die sich aus den Diskussionen im Rahmen der Tagung ergeben haben.

Die Archivrecherche ist ein etablierter Forschungsansatz zur Aufarbeitung von Unrecht wie dem sexuellen Kindesmissbrauch in Einrichtungen. Dies gilt insbesondere, wenn es um die Erinnerungsarbeit von Betroffenen, die Aufklärung von Einzelfällen, den Nachweis persönlicher oder institutioneller Verantwortung oder die Einordnung in den zeitgenössischen Diskurs geht. Dabei sind Erwartungen von Betroffenen und weiteren Akteurinnen und Akteuren in Aufarbeitungsprozessen an die Archivierung durchaus unterschiedlich.

Diese vielschichtigen Perspektiven kommen in dem Band zur Sprache. So ist es möglich, insbesondere die Bedenken Betroffener kennenzulernen und im Archivwesen zu reflektieren, aber auch die Bedeutung von Archiven für die Erinnerungsarbeit von Betroffenen zu beleuchten. Der Schutz von Persönlichkeitsrechten und die Frage danach, ob es eine zeitliche Begrenzung für die Nutzung von Archivunterlagen geben sollte, werden nachfolgend von verschiedenen Autorinnen und Autoren ebenso behandelt, wie der kritische Umgang mit der Überlieferung in Behörden und Archiven.

Beispielhaft wird dazu die Arbeit mit Jugendamtsakten im Zusammenhang der Aufarbeitung des Wirkens Helmut Kentlers in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe beschrieben. Wie Archive im Rahmen der Aufarbeitung mit einschlägigen Beständen umgehen, zeigt sich an den Beispielen des Gustav-Wyneken-Archivs im Archiv der deutschen Jugendbewegung und des Archivs der Odenwaldschule im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt. Die Odenwaldschule steht zudem im Zentrum bildungshistorischer und sozial-psychologischer Fragen, die die Aufdeckung der Missbrauchsfälle ausgelöst haben.

Der Band schließt ab mit einem Blick auf die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die einen Übergang darstellt von Wahrheitsfindung, Bestrafung und Gerechtigkeit hin zur Etablierung von Wiedergutmachung gegenüber Betroffenen und Angehörigen sowie präventiven Strategien, die wirksam eine Wiederholung von Taten sexuellen Gewalt verhindern helfen (Konzept von Transitional Justice) und welche Rolle die Archive in diesem Prozess spielen.

Sabine Andresen/Johannes Kistenich-Zerfaß (Hgg.)
Archive und Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs
(Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission, Neue Folge 41)

Darmstadt 2020
212 Seiten
ISBN 978-3-88443-418-5
Preis: 20 €