Barbara Kavemann

Prof. Dr. Barbara Kavemann

Projekttitel:

Wege zu mehr Gerechtigkeit nach sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend

Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE Freiburg (SoFFI F.)

Das Forschungsprojekt baut auf der Studie „Erwartungen Betroffener von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend an gesellschaftliche Aufarbeitung“ auf. In den Interviews zeigte sich ein Ringen um die Frage, ob Gerechtigkeit nach dem Erleben sexueller Gewalt überhaupt möglich ist.

Auch wenn verneint wurde, dass es Gerechtigkeit geben kann, weil man die Vergangenheit nicht ungeschehen machen kann, gab es doch vielfältige Überlegungen, welche Schritte oder Verfahren zumindest eine Annäherung an gerechtere Verhältnisse ermöglichen könnten. Dazu gehörten u.a. die Anerkennung der eigenen Unschuld und die klare Feststellung der Schuld der Täter bzw. Täterinnen. Diskutiert wurde auch die Frage der Bestrafung der Täter und Täterinnen. Hier fanden sich sowohl Positionen, die sich für eine Verschärfung der Strafen aussprachen, als auch solche, die explizit dagegen argumentierten. Ein weiteres Thema war die Anerkennung von Leid und Unrecht. Es ging den Interviewpartner*innen um konkrete Verbesserungen der Lebenssituation von Menschen, die unter spezifischer Benachteiligung leiden, und zwar indem sie selbst die Chance bekommen, als Akteurinnen und Akteure auf dem Weg zu einem besseren Leben wirksam zu werden.

An diese ersten Ergebnisse soll im Rahmen des Forschungsprojekts angeknüpft und durch eine Sekundärauswertung vertieft werden. Folgenden Forschungsfragen werden verfolgt:

  • Welche Wege können aus der Perspektive von Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs zu gerechteren Verhältnissen im Hier und Heute führen und wer soll dafür Verantwortung übernehmen? Gibt es für dieses Thema geeignete Verfahren jenseits des (Straf-)Rechts, die zu mehr Gerechtigkeit beitragen können? Können wir von der Forschung zu Wahrheitskommissionen lernen?
  • Wie sehen Betroffene den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit und was erwarten sie vom Rechtssystem? Wie sehen Vertreter*innen der Justiz die Erwartungen Betroffener an das Recht und ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit? Kann Verständigung erreicht werden?
  • Wie können Erwartungen Betroffener an gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse – z.B. hinsichtlich Entschädigungen oder der Sicherung gesellschaftlicher Teilhabe – aus der Perspektive unterschiedlicher Expertise verwirklicht werden?
  • Wie sieht die internationale Forschung zur Auswirkung von Unrechtsverhältnissen wie sexuelle Gewalt auf das Verständnis Betroffener von Gerechtigkeit aus?
  • Welche Bedeutung hat die Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit im Kontext zurückliegenden Gewalterlebens unter gesellschaftlichen Bedingungen in den 1959er bis 1980er Jahren für den Schutz heutiger Kinder und Jugendlicher?

Die Studie wird partizipativ unter aktiver Beteiligung von Betroffenen durchgeführt. Diese Vorgehensweise wurde bereits in anderen Forschungsprojekten erprobt und hat sich bewährt. Einerseits wird eine feste Forschungsgruppe aus Betroffenen gegründet, die sich regelmäßig trifft, die Forschungsfragen weiterentwickelt und Auswertungsschritte diskutiert. Um eine größere Anzahl von Betroffenen einbinden zu können, werden zusätzlich Fokusgruppen durchgeführt. Betroffene werden zu bestimmten Themen eingeladen. Der Betroffenenrat bei Unabhängigen Beauftragten wird informiert und einbezogen. Darüber hinaus wird ein Ethikvotum bei der Ethikkommission der Alice Salomon Hochschule Berlin eingeholt.

Eine Kooperation ist vereinbart mit Prof. Dr. Marianne Hester (Universität Bristol / Universität Göteborg), die zur Thematik der Gerechtigkeit aus der Perspektive von Betroffenen häuslicher Gewalt geforscht hat.

Die Ergebnisse werden laufend auf einer Projekt-Webseite veröffentlicht, auf der sich Interessierte über das Projekt informieren können. Nach Abschluss des Projekts werden die Ergebnisse an dieser Stelle und auf der Projektseite veröffentlicht.

Laufzeit des Forschungsprojektes: 01.04.2020 – 31.03.2022

Das Forschungsprojekt wird über Mittel der Kommission finanziert.