Ein Jahr Aufarbeitung – Kommission zieht Bilanz auf dem 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag

Düsseldorf, 29. März 2017. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs war heute zu Gast auf dem 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag (DJHT). Sie zog eine Bilanz der Arbeit ihres ersten Jahres.

Im Rahmen eines Fachforums berichtete die Vorsitzende, Sabine Andresen, über die Arbeit der Kommission, beschrieb Herausforderungen und teilte erste Eindrücke und Ergebnisse aus den Gesprächen mit Betroffenen mit. Kommissionsmitglied Jens Brachmann erläuterte die Bedeutung von Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und die Erwartungen an Aufarbeitung im institutionellen Bereich. Matthias Katsch, ständiger Gast der Kommission, stellte vor dem Hintergrund seiner eigenen Missbrauchsgeschichte dar, wie individuelle Bewältigung sowie, institutionelle und gesamtgesellschafliche Aufarbeitung sexueller Gewalt zusammenhängen.

Sabine Andresen

„Der Kinder- und Jugendhilfetag bietet ein hervorragendes Forum, um mit Fachkräften, der Politik und der Wissenschaft über Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in den Dialog zu kommen. Dabei sind die Botschaften von Betroffenen zentral.“

Sabine AndresenVorsitzende der Kommission

Jens Brachmann sprach von sexuellem Kindesmissbrauch als einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen. Außerdem stellte er die Frage, woran sich eine verantwortungsbewusste Aufarbeitung auszurichten habe und benannte sechs Grundprinzipien für eine zielführende, nachhaltige und gelingende Analyse von Vorkommnissen sexueller Gewalt in (pädagogischen) Einrichtungen. Ausgehend davon betonte Jens Brachmann, dass Aufarbeitung die wichtigste Basis für Prävention ist:

Jens Brachmann

„Die Entwicklung von Präventionsangeboten gegen Missbrauch ohne Aufarbeitung ist leer. Kinderschutz ohne eine von der Zivilgesellschaft getragene erinnerungskulturelle Rahmung bleibt blind.

Jens BrachmannMitglied der Kommission

Matthias Katsch erläuterte, was Betroffene aus dem institutionellen Kontext von Einrichtungen erwarten. Und er formulierte Botschaften, die ein Aufarbeitungsprozess an Betroffene sendet: Du bist nicht allein! Du bist nicht schuld! Du bist nicht mehr ohnmächtig und wehrlos!

Im anschließenden Austausch mit dem Fachpublikum wurde u.a. kritisiert, dass die Kommission innerhalb ihrer Arbeit Aufsichtsgremien wie die Jugendämter nicht ausreichend beleuchtet. Einen ersten Schritt in diese Richtung hatte die Kommission im Rahmen des öffentlichen Hearings im Januar 2017 unternommen. Auf dem Podium sprach damals eine Vertreterin aus diesem Bereich. In dem Zusammenhang wurde erneut deutlich, wie wichtig es für pädagogische Einrichtungen im Zusammenhang mit Aufarbeitung ist, nicht nur den Blick nach innen zu richten, sondern genauso auf das Umfeld, welches zum Beispiel die Jugendämter aber auch die Familien einschließt. Denn sexueller Kindesmissbrauch findet am häufigsten dort statt, wo Kinder vor allem Schutz und Förderung erhalten sollten: in der Familie.

Der DJHT ist Europas größter Kinder- und Jugendhilfegipfel. Er versteht sich als Forum für Praxis, Verwaltung, Wissenschaft und Politik. Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe finden sich dort zusammen und diskutieren gemeinsam mit allen Interessierten die neuesten Themen, Herausforderungen und aktuellen Entwicklungen aus den Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe. In zahlreichen Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen setzt er innerhalb des Fachkongresses Impulse und fördert die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen. Auf der Fachmesse präsentieren sich Träger der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe sowie gewerbliche Aussteller.